Zeitung Heute : Warum gibt’s im Osten so viele Hollywoodschaukeln?

Kerstin Decker

Manchmal, wenn Fremdäugige durch die frühjahrsblühenden Landschaften des Ostens fahren, bemerken sie in den Eingeborenen-Gärten ein merkwürdiges Gerümpel. Das sind doch Hollywoodschaukeln! Echte Hollywoodschaukeln aus den 70ern in einem Jetztzeitgarten? O Mann!

Hollywoodschaukelnde Kleingärtner im Osten haben es überhaupt nicht gern, wenn man etwas an ihren Gärten kritisiert. Und schon gar nicht die Schaukel. Das haben sie früher schon immer hören müssen: Guck mal, wenn du so eine Schaukel in deinen Garten stellst, dann ist der Garten doch voll und du hast gar keinen Platz mehr für das Beet! Gärten im Osten, muss man wissen, waren meist nicht besonders groß. Und nun kommen die nächsten Schaukel-Kritiker und gucken einen an, als sei man von gestern. Stimmt nicht, ich bin nicht von gestern, sondern von übermorgen, könnten die Beargwöhnten sagen, und dies hier ist ein trendiger Retro-Garten. Unsere Kinder verstehen das sofort.

Trotzdem ist die Ost-Hollywoodschaukel keine Hollywoodschaukel wie jede andere. Denn sie hat ihre eigene Kulturgeschichte. Zuerst ist da das Rätsel ihrer Existenz. Die Anwesenheit der Hollywoodschaukel in den Gärten des Ostens könnte den Ahnungslosen zu dem Fehlschluss verleiten, in der DDR habe es Hollywoodschaukeln gegeben. Die gab es natürlich nicht. Schließlich konnte man der sozialistischen Produktion nicht die Herstellung westlicher Dekadenzsymbole zumuten. Aber genau in dieser Dekadenz lag der unwiderstehliche Eros der Hollywoodschaukel. So eine Utopie von ewigem Feierabend. Das war die Stunde des Heimwerkers und manch ein Betrieb der sozialistischen Arbeit verzeichnete einen rätselhaften Schwund seiner Metallrohrbestände. Und wenn das Gerüst stand, nähten die Frauen Bezüge für Sitz, Lehne und Dach. Am liebsten mit Fransen.

Die Hollywoodschaukel war die perfekte Verbindung von großer Welt und Gartenzwergentum, von Dekadenz und Idylle. Wer schaukelt, hat die Bodenhaftung schon verloren. Er war nicht mehr ganz von dieser Welt, von dieser DDR. Von der Hollywoodschaukel aus und mit einem Cocktailglas in der Hand hat man erst die richtige Perspektive auf das Leben. Und diese metallene Gartenutopie sollen die Ostler verschrotten? Und sich auch auf diese neuen Teakholzmöbel setzen, die so hart sind wie das Leben von heute?

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