Zeitung Heute : Warum gucken in Griechenland Stäbe aus den Häusern?

Andreas Austilat

Griechische Künstler genossen mal allergrößten Ruhm. Allein fünf der sieben antiken Weltwunder gehen auf ihre Kappe. Auf Männer wie Phidias zum Beispiel, der die Zeusstatue schuf. Und erst die Architekten, Cheirokrates oder Sostratos, der eine baute einen gewaltigen Tempel, der andere einen mächtigen Leuchtturm. Und das zu einer Zeit, als man hier zu Lande gerade mal bis zehn zählte.

Das ist über 2000 Jahre her, hat aber die Nachwelt schwer beeindruckt. Zu Goethes Zeiten sah dann sogar jeder Neubau irgendwie ein bisschen griechisch aus. Man nannte das Klassizismus, und es entstanden Bauwerke wie der amerikanische Kongress oder das Brandenburger Tor.

Inzwischen hat griechische Architektur einiges von ihrer Vorbildfunktion eingebüßt. Wer heute im Mutterland der Klassik übers Land fährt, wird sogar feststellen, dass ziemlich viele Häuser gehobenen ästhetischen Ansprüchen nicht mehr genügen. Weil sie einfach nie fertig werden. Noch nach Jahren gucken oben rostige Stahlbündel raus.

Die landläufige Erklärung für dieses Phänomen geht so: Pfiffige Griechen haben gar nicht die Absicht, ihr Haus fertig zu bauen, weil sie dann nämlich Steuern zahlen müssten. Das klingt hübsch, ist aber falsch, wie Kostas Papanastasiou versichert. Papanastasiou gehört die Charlottenburger Gaststätte Terzo Mondo, bekannter allerdings hat ihn seine Rolle als griechischer Wirt in der ARD-Serie „Lindenstraße“ gemacht. Weniger bekannt ist dagegen, dass Papanastasiou Architektur studiert und im Büro Kressmann-Zschach am Bau des Steglitzer Kreisels mitgewirkt hat.

Griechische Bauherren, so das Ergebnis von Papanastasious Recherche, sind Familienmenschen und denken an die Zukunft. Also wird, selbst wenn im Moment das Geld dafür fehlt, schon mal eine zweite oder dritte Etage für Sohn oder Tochter eingeplant. Deren Erbe sozusagen, das sie später entweder selbst nutzen oder verkaufen. Weil nun aber das Land in den 50er Jahren von einigen Erdbeben erschüttert wurde, schreibt die griechische Bauordnung für die üblichen Betonskelettbauten vor, dass die Stahlarmierung aus der Deckenplatte mindestens einen Meter rausgucken muss. Nur so sei eine sichere Verbindung mit einer für später geplanten, weiteren Etage gewährleistet.

Rein theoretisch müsste wenigstens in den meisten Dörfern dann nach der dritten Etage Schluss sein, weil die Bauordnung dort kein weiteres Stockwerk zulässt. Aber man kann ja nie wissen, ob die Gemeinde nicht noch wächst und morgen genehmigt wird, was heute verwehrt bleibt. Drum lässt der kluge Bauherr als Option für die Zukunft selbst da gern noch einmal einen Meter Stahl stehen. Notfalls für die nächsten 20 Jahre.

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