Zeitung Heute : Warum gucken Litauer nicht in ihren Briefkasten?

Christiane Fenske

Nach Hause zu kommen, ist eigentlich schön, wäre da nicht der Briefkasten, den man noch vor der Haustür öffnet. Der ist entweder leer und führt einem vor Augen, dass niemand an einen denkt. Oder aber er ist voll mit Rechnungen. Dann denkt zwar jemand an einen, aber nur, weil er Geld möchte.

Diesen Kummer tun sich die Litauer gar nicht erst an. Spätestens seit in den 80er Jahren die meisten Haushalte mit einem Telefon versorgt waren, blieb der Briefkasten meist leer, erzählt Historikerin Ruth Leiserowitz. Die private Kommunikation lief über das Telefon. Im städtischen Netz schwatzten Litauer zum günstigen Festpreis. Bewohner westlicher Demokratien wundern sich vielleicht, was daran berichtenswert ist. Weniger wunderlich erscheint es, wenn man bedenkt, dass Telefone in Privatwohnungen im Sozialismus selten waren. Nur 15,8 Prozent aller DDR-Haushalte waren mit einem Telefon versorgt. Wer entfernt lebende Verwandte auf dem Laufenden halten wollte, musste Briefe schicken.

Obwohl der familiäre Zusammenhalt in Litauen sehr groß ist, wurde „nur ganz selten private Post verschickt. Und wer keine Zeitung abonniert hatte, öffnete nur unregelmäßig den Briefkasten“, sagt Ruth Leiserowitz, die selbst einige Jahre in dem baltischen Staat lebte. Der Sozialismus hatte die Litauer vorsichtig gemacht. Briefe, so vermuteten sie, wurden von sozialistischen Obrigkeiten geöffnet und auf den Inhalt überprüft. „Wir konnten nicht sicher sein, ob nicht jemand mitliest“, sagt auch Rasa Balcikonyte, Kulturattaché der litauischen Botschaft in Berlin.

Nachdem Litauen sich Anfang der 90er Jahre vom Sozialismus befreit hatte, stiegen die bis dahin staatlich subventionierten Preise. Heute ist es teurer, im Festnetz zu telefonieren als mit dem Mobiltelefon. Die Abneigung gegenüber dem Schriftlichen ist geblieben, wenngleich das vor allem für den privaten Schriftverkehr gilt. Dank des Internets wird sich daran wohl auch in Litauen nichts mehr ändern.

Landet Weihnachtspost im Briefkasten, kommt sie wahrscheinlich von einer Behörde. Auch Ruth Leiserowitz musste erst lernen, dass Litauer persönlich angesprochen werden möchten. Nachdem sie Freunden einmal eine Einladungskarte geschickt hatte, blieben Reaktionen tagelang aus. Dann aber, sagt sie, waren sie etwas pikiert. „Die schriftliche Einladung erscheint ihnen formell und distanziert.“ Es erinnere sie ein bisschen an eine Vorladung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar