Zeitung Heute : Warum haben Amerikaner keine Türklinken?

Johanna Lühr

Kurz bevor er den Verdächtigen verlässt, guckt sich Kommissar Colombo stets noch einmal um. Eine Hand liegt schon auf dem Türknauf, wenn er die letzte, scheinbar harmlose, tatsächlich aber alles entscheidende Frage stellt. Dann dreht er den Knauf, öffnet die Tür und geht. Wo in Deutschland die Klinke gedrückt wird, drehen sich in Amerika die „doorknobs“. Dabei waren es die Europäer, die die Türknöpfe nach Amerika brachten.

Die Geschichte der Türknäufe und Klinken beginnt im Mittelalter. Schmiede und Schlosser fertigten sie für Burgen und Rathäuser an. Der Klang des fallenden Riegels an der Hoftür gibt der Klinke ihren Namen (die man noch heute von der Gartentür kennt); für die feineren Zimmerschlösser war das Schnappschloss bestimmt. Damit man den Herrschaften besser öffnen konnte, wurde im 18. Jahrhundert ein drehbarer Knopf angebracht, wegen seiner Form Olive genannt. Irgendwann trennten sich Schloss und Klinke, und die Kunstschmiede tobten sich mit allerlei Ornamenten aus, während die Schlosser sich um die Funktion kümmerten. Bis Walter Gropius in den zwanziger Jahren Architektur und Industrie wieder zusammenführte und den ganz auf Kreis und Quadrat reduzierten „Gropius-Drücker“ entwarf. Passend dazu machte er die „Fensteroliven“, die wiederum den Drehknöpfen an den amerikanischen Türen ähneln. Eine Art Fensteröffner, den man in Amerika allerdings vergebens sucht, da sich die Fenster dort nicht aufmachen, sondern nur hochschieben lassen – aber das ist eine andere Wohnethnologie.

Der amerikanische Türknopf ist heute selten aus Porzellan – so wie ihn die englischen Siedler einst mitbrachten –, sondern meist aus Aluminium. Man kann den Knopf in beide Richtungen drehen, in der Mitte des Knaufes ist ein kleiner Schalter, der den Schlüssel ersetzt. Ein Grund für den Erfolg des Knopfes in Amerika könnte der geringe Preis sein: die Tür wird einfach durchbohrt und das Set hineingesteckt, ohne extra Schlüsselloch. Praktischer ist es damit nicht. Mit einem Tablett in der Hand eine amerikanische Tür zu öffnen, ist unmöglich – bei einer Klinke geht das zur Not auch mit dem Ellenbogen; mit Drehknopf verschließbare Toilettentüren sind nicht unbedingt sicher, schwungvoll theatralisches Aufreißen entfällt, da man beim Knopf drehen fast an der Tür klebt.

Eine andere Schwierigkeit deckte August von Siccardsburg auf, der 1876 über „Thür- und Fenster-Verschlüsse“ schrieb, man ziehe den Drücker vor, denn wo man „einem Knopfe zum Anfassen begegnet, wird man eher versucht sein, an selbem zu ziehen oder zu drucken als ihn zu drehen, weil jene Bewegungen mehr in der Natur und Form des Knopfes liegen.“

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