Zeitung Heute : Warum haben die Israelis so große Kühlschränke?

Annabel Wahba

Er war so groß wie ein Bett und spuckte auf Knopfdruck Eiswürfel und Crushed Ice aus. Freunde hatten mir diesen Kühlturm besorgt, als ich vor ein paar Jahren in eine Wohnung in Tel Aviv zog. „Du wirst schon sehen, das brauchst du hier“, sagten sie und stellten das Ding in den Flur. Der Kühlschrank passte nämlich nicht durch die Küchentür.

Als ich zum ersten Mal in den Supermarkt zum Einkaufen ging, verstand ich, warum die Israelis so große Kühlschränke brauchen: Sie kaufen sehr viel ein. Mit Einkaufswagen so groß wie Kleinlaster fahren sie durch die Gänge und türmen darin Berge von Obst, Salat und Getränken auf. Der Einkaufswahn ergriff bald auch mich, denn man will ja nicht als Einzige nur mit einer Flasche Wasser und einer Melone zur Kasse gehen. Wie ferngesteuert lud ich Essen in meinen Wagen, als hätte ich eine achtköpfige Familie zu ernähren.

Und eigentlich war es auch so. Als die ersten Freunde zu Besuch kamen, zahlte sich der große Kühlschrank aus. Denn wie selbstverständlich bedienten sie sich daraus, kaum, dass sie das Haus betreten hatten. Meins und deins, das gab es für sie nicht, wer Hunger hat, nimmt sich was zu essen. Vielleicht hat das mit der Kibbuz- Vergangenheit Israels zu tun. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase fand ich das auch gut, denn die deutsche Art, nur so viel zu kochen, dass es gerade reicht, ist eigentlich sehr unhöflich. In Israel kocht man gleich mehr, man weiß ja nie, wer noch vorbeikommt.

Wenn bei den Deutschen der Fernseher das Zentrum der Wohnung ist, dann ist es bei den Israelis der Kühlschrank (wobei der Fernseher im Hintergrund trotzdem immer läuft). der Kühlschrank sorgt dafür, dass bei den zahlreichen Familienzusammenkünften nie das Essen ausgeht. Am Freitagabend treffen sich auch nichtreligiöse Familien zum traditionellen Sabbat-Essen. Da kommen Kinder, die schon längst nicht mehr daheim wohnen, um sich bei Mama richtig satt zu essen. Meist hat die dann so viel vorgekocht und im Kühlschrank verstaut, dass sie den Kindern noch was mitgibt für den Rest der Woche.

Die großen Kühlschränke ergeben auch wegen der Hitze in Israel wirklich Sinn. Bei 40 Grad im Sommer muss alles kalt gestellt werden, Obst, Zucker, Süßigkeiten, selbst der Honig. Das habe ich sehr schnell begriffen, als sich eine Ameisenstraße durch meine Küche zog und mich morgens zum Frühstück die Kakerlaken begrüßten. Dann lieber steinharten Honig und Nutella zum Schneiden.

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