Zeitung Heute : Warum haben die Japaner beheizte Klobrillen?

Annabel Wahba

Bei der Meditation lassen sie sich vom Zenmeister mit einer Rute auf den Rücken klopfen. Sie verbringen Stunden in ihren Gärten, um exakte Linien in den Kies zu treiben. Sie schlafen auf harten Futons hinter lustfeindlichen Wänden aus Reispapier, die keinen Schrei des Entzückens unerhört lassen. Die Japaner gönnen sich nicht viel.

Nur an einem Ort, da umgibt die Menschen eine wohlige Wärme. Da ist es so gemütlich, dass man im Winter, wenn es in den japanischen Holzhäusern besonders zieht, am liebsten in den Sitzstreik treten will. Da möchte man im Moment verweilen, bis sich die Erleuchtung von selbst einstellt: auf der beheizten Klobrille.

In einer Jugendherberge in Kyoto sah ich vor einigen Jahren zum ersten Mal so ein Ding. Draußen waren es neun Grad, das traditionell erbaute Haus mit einem Innenhof und Tatami-Matten am Boden hatte natürlich keine Zentralheizung. Und die Herbergsmutter fand es unnötig, in die Zimmer Gasöfen zu stellen. Das Klo war der einzige Ort, an dem ich mich aufwärmen konnte. Einziger Makel: der kleine weiße Hund der Hausherrin, der seine Knödelchen am liebsten auf den rosa Flauschteppich im Bad fallen ließ.

Beheizte Klobrillen, das reicht den Japanern heute nicht mehr. In die modernen Appartements lassen sie sich fortschrittlichere Toiletten-Modelle einbauen. Die haben an der Seite eine Konsole mit Knöpfen. Damit kann man nicht nur die Wärme des Sitzplatzes einstellen, sondern auch die Temperatur des Wassers zur anschließenden Gesäßreinigung. Die Stärke des Strahls und die Ausrichtung der Düse sind ebenfalls verstellbar.

Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es solche Toiletten. Eigentlich braucht sie auch keiner. Aber darum geht es nicht. Es kommen ja auch ständig neue Handys mit immer neuen Funktionen auf den Markt, warum sollen sich also nicht auch die Klos immer weiter entwickeln. Während wir Deutschen zu wenig konsumieren, hin und her überlegen, bevor wir unser Geld sinnlosen Technologien opfern, funktionieren in Japan die Kräfte des Marktes noch: Wenn ein neues Modell herauskommt, will es jeder haben.

Vielleicht, sagt Michael Niemann vom Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin, befriedigt diese Erfindung aber auch einfach den Spieltrieb der Japaner. Cola kommt aus sprechenden Automaten, Tamagotchis wollen gefüttert werden und ihre Freizeit verbringen nicht wenige Japaner in kreischend grellen Spielhallen und werden dort zu virtuellen Rennfahrern.

Vielleicht wird das schon bald nicht mehr nötig sein. Dann unterhalten sich die Japaner mit ihrem Klo, das ihnen mit einem leisen Blubbern antwortet, sie geben ihm Klopapier mit Zitronengeschmack zu fressen und gewinnen auf ihrem Sitz ganz nebenbei die Rallye Paris-Dakar.

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