Zeitung Heute : Warum haben die Kolumbianer so große Töpfe?

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Das Erste, was man beim Betreten einer kolumbianischen Küche sieht, ist ein Topf. Ein riesiger Aluminiumtopf. Wenn er nicht in den Schrank passt, dann hängt er an einem Haken von der Decke, neben den Vorratskörben mit Eiern Obst und Gemüse. Ein bisschen abgenutzt und mit ein paar Rußflecken wartet er darauf, wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Sechs Tage lang muss er warten. Am Sonntagmorgen nimmt die Großmutter ihn vom Haken und kocht die Suppe, um die sich die ganze Familie versammeln wird.

Maßlos ist der Topf, 20 Liter passen da rein. In Kolumbien reicht das gerade aus, um die Mischung aus Wasser und exotischen Zutaten, aus Bohnen, Fisch und Kochbananen zu fassen, die sich im Laufe von sechs, sieben Stunden in köstliche dickflüssige Suppe verwandelt. 20 Liter reichen gerade, um sie alle satt zu machen, Onkel und Tanten, Kinder und Enkel, Eltern und Großeltern.

Auf den Wochenendfincas auf dem Land ist der gigantische Topf nur zum Kochen da. Beim Essen thront in der Mitte des Tisches eine große Porzellanschüssel mit klassischem französischen Muster auf einer weißen Decke mit Spitzenrand, und Angestellte in adretten Uniformen servieren den Gästen das Essen. So machen es die, die es sich leisten können.

Die andere Hälfte Kolumbiens lebt in Armut; in ihren Familien füllen die Mütter die Suppe direkt aus dem Topf, der auch nach vielen Jahren noch glänzt. Denn nach jedem Essen schrubben die Frauen sorgfältig den Ruß mit Metallschwämmen vom Boden des Topfes. „Wie eine Silbertässchen“ soll er aussehen: das Aushängeschild der guten Hausfrau.

Das heilige Sonntagsritual verbindet alle Kolumbianer, egal, ob arm oder reich. Es ist eine der letzten Traditionen, die die kolumbianische Familie zusammenhält trotzt der Grausamkeiten des Krieges, der immer noch zwischen Staat, Guerilla und Paramilitärs tobt. Über eine Million Familien sind vor der Gewalt auf dem Land an den Rand der Städte geflüchtet, ihre Töpfe auf dem Rücken. Sie nehmen sie mit in den Bussen, die ganz aus bunt bemaltem Holz und ohne Fenster sind, um dort, wo sie ankommen, egal, wo, die Sonntagssuppe zu kochen. Es ist ihr Versuch, die Heimat zu bewahren, ihr Land und ihre Gewohnheiten zu erhalten. Und so ist der große Topf immer dabei, denn trotz aller Traurigkeit kochen in ihm immer wieder aufs Neue die Träume der Kolumbianer. Cristina Vélez

Übersetzung: Anna Kemper

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