Zeitung Heute : Warum haben die Pandas keine Lust?

Der Tagesspiegel

Von Nadja Klinger

Jeden Tag kommt Peter Rahn über den Hardenbergplatz. Autos lärmen, Passanten rempeln. Baustellen wirbeln Staub auf. McDonalds dunstet Frittieröl aus. Rahn eilt durch die Duftwolke hindurch und öffnet ein paar Schritte weiter eine Tür „Guten Morgen!“, trällert die Pförtnerin. Rahn grüßt mit einem stillen Lächeln, schubbert den Straßendreck von den Sohlen und tritt über die Schwelle.

Hinter der Schwelle beginnt der Zoologische Garten, ein 34 Hektar großer grüner Fleck, auf dem Tiere leben, die es in der Stadt normalerweise nicht gibt. Ein Schönheitsfleck. Hier hat Peter Rahn als Wissenschaftlicher Mitarbeiter ein Büro. In diesem Büro kann man nicht gut mit ihm reden, weil darin auch zwei Wellensittiche leben, die sich noch lauter miteinander unterhalten. Rahn stört das nicht. Er tickt anders. Er unterbricht Telefongespräche, wenn auf dem Ast vorm Fenster eine Krähe landet. Nicht nur er, der ganze Zoo tickt anders. Wie eine Kuckucksuhr, deren Gewichte immer wieder hochgezogen werden, damit sie nicht stehen bleibt, und deren Pendel man anstoßen muss. Wenn die Tierpfleger mit der Arbeit beginnen, beginnt für die Tiere der Tag. Wenn sie das Licht löschen, ist er aus. Und wenn zur vollen Stunde der Kuckuck schreit, ist das immer wieder eine Sensation.

Der Reviertierpfleger vom Raubtierhaus, Lutz Störmer, streift zu Mittag mit einem Teller voll Obst und Gemüse um das Raubtierhaus. Er bleibt am Freigehege von Yan Yan stehen und hält eine Birne hoch. Die Pandabärin tappt heran. Sie nimmt dem Mann mit ihrer Tatze die Frucht aus der Hand und beißt hinein. Störmer wirft Rote Beete ins Gehege, Melone, einen Apfel. Einen Bambusstrauch schmeißt er hinterher. Die Bärin sabbert und schmatzt. Sie hat schlechte Zähne. Die hatte sie schon, als sie 1995 aus China kam. Lutz Störmer hat damals das Gebiss gesehen und war entsetzt. So hat er es den Zeitungsleuten gesagt, die ihn wegen der Pandabärin interviewten. Danach bekam er Ärger mit dem Direktor, denn der Zoo hatte sich Yan Yan von den Chinesen nur ausgeborgt. Sie sollte in Berlin schwanger werden und ein Junges zur Welt bringen. Gegen eine Leihgebühr hatte sie einen Zweck zu erfüllen. Wie ein Leasingwagen. Nur dass die Pandabärin schon ziemlich abgefahren war.

Seit 1995 pflegt und beobachtet Lutz Störmer sie. Es war wie mit einer neuen Freundin: Alles, was sie in ihrem zehnjährigen Leben durchgemacht hatte, merkte er ihr an. Das Leben in vier verschiedenen Zoos, die zahllosen Transporte, die engen Käfige, von herkömmlichen Gitterstäben begrenzt, an denen sie sich die Zähne abgeschliffen hatte. Störmer nannte sie sein „wundes Kind“. Sie war scheu und zickig. Manchmal zog das den Pfleger erst recht zu ihr hin, manchmal entschloss er sich, die Zicke einfach zu ignorieren. Möglicherweise kannte er sie bald besser als seine eigene Frau.

In seinem Revierbuch notiert er, wie Yan Yan sich verhält. Meistens sind das nur Stichpunkte, und er schreibt auch nicht jeden Tag etwas auf. Zur Zeit allerdings werden es wieder mehr Notizen. Aus den Bewegungen des Pandaweibchens möchte er herauslesen, ob sie sich irgendwie anders benimmt als sonst, ob sie unruhig wird. Lutz Störmer notiert, wie die Bärin durchs Gehege streift, wie sie den Kopf schief legt, wo sie sitzt, ob sie am Wasser planscht oder die Rinde vom Baum pult. Es liest sich ziemlich belanglos und noch belangloser sieht es aus. Manchmal notiert der Tierpfleger sogar, dass seine Beobachtung seiner Meinung nach keine Bedeutung habe. Dennoch: Die Dramatik der Ereignisse steigt, denn es kommt der April, der Monat aller Monate, der in den letzten Jahren immer so enttäuschend war, weil die Bärin „in die Hitze“ hätte kommen, weil sie hätte schwanger werden, weil die Stadt ein Pandakind hätte bekommen können.

Seit sieben Jahren scheint es, als würden die Computer in den Zeitungsredaktionen der Stadt im April Alarm schlagen. Dann kommen die Journalisten von allen Seiten. Aber Rahn und Störmer fühlen sich im April so, als hielte Berlin den Zoo umzingelt. Zwar haben die Presseberichte immer so geklungen, als würden sie eine Liebesgeschichte erzählen. Aber was wissen die Berliner Zeitungen schon über Pandabären. Wenn Peter Rahn daran denkt, dass Yan Yan dieses Jahr schwanger werden könnte, sieht er nicht gerade erleichtert aus. Denn das wäre schon so was wie ein Wunder. Ein Wunder wäre auch, wenn das Pandababy überleben würde. Nicht einmal im Zoo wissen sie genug über die Aufzucht von Pandas. Was erzählt man da auf den Pressekonferenzen? Und was, wenn das Baby stirbt? „Nicht auszudenken“, sagt Rahn. Noch ist März. Noch ist es nicht so weit. Aber wenn er morgens ins Büro kommt, hält die Sekretärin oft schon die Telefonnummern der Redaktionen bereit, die er zurückrufen soll.

Die vermeintliche Liebesgeschichte der Berliner Pandas hat schon nicht rosarot angefangen. Bao Bao, der heute noch im Zoo lebt, und die Bärin Tien Tien wurden verwaist in China aufgefunden. Der chinesische Ministerpräsident brachte sie 1980 als Staatsgeschenke mit nach Berlin. Für den Zoologischen Garten war die Überraschung besonders groß. Hier überschlug man sich fast. Man beschaffte Geld und ließ ein Pandahaus bauen. Peter Rahn telefonierte mit Zoos in Madrid, London, Moskau, Mexiko und den USA, um Informationen über die seltenen Tiere heranzuschaffen. Aus den Kontakten, die er knüpfte, entstand ein Pandasymposium in Berlin. Vor der Tür demonstrierten die Bürger, weil sie von dem Geld, das der Zoo für zwei Tierkinder ausgab, lieber Tagesstätten für Berliner Kinder errichten wollten.

Die Demonstranten waren aggressiv. Sie besetzten die Flamingowiese gegenüber dem Raubtierhaus und man befürchtete, sie könnten den Pandas etwas antun. Es war kein einfaches Geschenk. Peter Rahn, der Berliner, stritt sich mit Peter Rahn, dem Zoologen. Für Letzteren waren die Pandas Mitglieder einer vom Aussterben bedrohten Tierart. Etwa 1000 Bären gab es in China noch, einzelgängerische Wesen, von den Menschen auf einen winzigen Flecken bergiges Land zurückgedrängt und dort von Fleisch- zu Bambusfressern mutiert. Der Zoologe Rahn war der Meinung, man könne die Pandas retten, indem man sie in Gefangenschaft nimmt und ihnen zu Nachwuchs verhilft. Zum Schutz vor den zornigen Berlinern ließ er das Außengehege mit einem Glasdach und doppeltem Gitter versehen. Dann flog der Direktor des Zoologischen Gartens mit dem Reviertierpfleger Lutz Störmer nach China, um Bao Bao und Tien Tien abzuholen.

Trennung statt Paarung

Das junge Pärchen hat in Berlin zunächst nur miteinander getobt. Störmer schaute zu und notierte, wenn die Spiele ruppiger wurden. Peter Rahn fütterte die Presse mit niedlichen Neuigkeiten, telefonierte, las im internationalen Zuchtbuch für Pandas und machte sich seinen Reim. Nach vier Jahren beschloss man, die mittlerweile größeren und aggressiver gewordenen Bären außerhalb der Paarungszeit zu trennen, damit sie sich nicht gegenseitig umbringen.

In gewisser Weise war das mit den Pandas bereits eine typische Liebesgeschichte, denn sie sollte gleich alles beinhalten: eine niedliche Attraktion für die Zoobesucher, ein Pandababy für Berlin und obendrein eine Tierart retten. Und natürlich war man überzeugt, dass all diese Wünsche in Erfüllung gehen würden. Aber in einer typischen Liebesgeschichte fehlt es auch an Tragik nicht. Tien Tien wurde krank. Lutz Störmer, der sie völlig erschöpft vorfand, irgendwie auch. Er lief ratlos durch die Gegend und steckte Peter Rahn auch gleich noch an. Die beiden Männer redeten nur noch von Durchfall und gelbem Schleim, blutdurchtränkten Organen und dem Krankenhaus am Rande der Stadt. Dorthin fuhr der Tierpfleger dann auch selber mit, saß eine Woche lang traurig auf einem Stuhl und sah der Bärin beim Sterben zu.

Der Zorn der Berliner Bürger, die die beiden Pandas einst nicht gerade freudig empfangen hatten, wurde spätestens durch das vermeintliche Schicksal des Zurückgebliebenen erweicht. Ein Schild führte die Besucher vom Eingang des Zoos direkt zum Gehege von Bao Bao. Doch dort konnten sie sehen, dass er sich allein sehr wohl fühlte. In Wirklichkeit waren die Pandabären nie ein Paar gewesen.

Eines Tages biss Bao Bao einem Fotografen, der in seinem Gehege war, einen Finger ab. Lutz Störmer, der dabei war, musste den Panda schlagen und treten, damit er von dem Mann abließ. Die Todesangst in den Augen des Verletzten wird er nie vergessen. Aber auch nicht, dass er Bao Bao wehtun musste. Wochen später, vor Gericht, wo der Fotograf auf Schadenersatz klagte, hing Störmer noch immer die Traurigkeit im Gesicht. Mit seinen Aussagen, dass der Mann nicht auf ihn gehört, das Gehege nicht verlassen und sich damit selbst in Gefahr gebracht hatte, kam der Tierpfleger nicht gegen den Anwalt Christian Ströbele an. Aber die Zoobesucher, die vor dem Gehege gestanden hatten, sagten als Zeugen aus – für Störmer, für den Panda. Und deshalb musste der Zoo auch keinen Schadenersatz zahlen.

Fast alles war gut. Fast. Ein junger Bärenmann allein bekommt kein Kind. Im Zoo wünschten sie sich wieder mal einen Staatsbesuch. Sie sprachen Eberhard Diepgen an. Der hatte auch keine Idee. Erst 1995, als er eine Teilstrecke der U-Bahn in Shanghai einweihte, konnte er bei den Chinesen den Wunsch durchblicken lassen. Die erlaubten den Berlinern, eine Bärin zu mieten. Während der Regierende Bürgermeister sich in China um die U-Bahn kümmerte, klärte Peter Rahn dort die Formalitäten, eine Woche lang, ständig an seiner Seite Berliner Journalisten von Zeitungen und Fernsehen. Er gab ihnen Interviews, obwohl er die Bärin, die er bekommen sollte, selbst nicht kannte. Erst zum Abflug sah er Yan Yan. Schwarz, weiß und süß. „Was man beim Verladen so sehen konnte“, sagt er.

Lutz Störmer in Berlin sah schnell mehr. Anstelle der angekündigten gesunden 85 Kilo wog die Bärin nur schlaffe 75. Kein Fruchtbarkeitszyklus war zu erkennen. Dann diese Zähne. Und sie war mit rund 70 verschiedenen Würmern befallen. Das hat Störmer der Presse damals alles gesagt. Heute hält er lieber den Mund. Denn die Bärin ist nach wie vor nur geliehen, immer noch nicht schwanger und mit 17 bereits eine betagte Dame. Für Bao Bao, der sogar schon 24 ist, wird es nicht mehr so oft einen April geben. Bald schon könnte die Geschichte zu Ende sein.

Wie würde Bao Bao reagieren, wenn er die neue Bärenfrau sieht?, haben sich Rahn und Störmer 1995 gefragt. 1996 standen im Revierbuch keine besonderen Reaktionen des Pandamannes. Störmer sah genau hin: Auch die Pandafrau zeigte keine Lust. In den darauffolgenden drei Jahren gab man Yan Yan Hormone, um sie fruchtbar zu machen. Der Tierpfleger suchte nach auffälligen Kleinigkeiten, aber er fand keine. 2000 sollte die Leihgabe nach China zurück. Störmer notierte im Revierbuch, dass ihr Benehmen plötzlich irgendwie auffalle, die auf „die Hitze“ hindeutende Ruhelosigkeit weise. Aber er war schon uneuphorischer geworden. Das habe wohl eher mit den Hormonspritzen als mit Bao Bao zu tun, schrieb er. 2001 verlängerte man die Leihfrist von Yan Yan. Das Institut für Zoo- und Wildtierforschung klinkte sich ein. Es riet, die Bären zu trennen, weil die möglicherweise voneinander gestresst seien. Im April wollte man dann künstlich besamen. Störmer holte die Sibirischen Tiger aus ihrem Freigehege und quartierte den Panda dort ein. Bao Bao schnupperte begeistert an des Tigers Spuren. Die künstliche Besamung bei Yan Yan fruchtete nicht.

2002 sieht man Störmer, wie er bei den Sibirischen Tigern im Gehege den Urin aufsaugt und ihn bei Bao Bao verspritzt, weil der den Tigergeruch so gerne mag. Man könnte meinen, die merkwürdige Liebesgeschichte, an der er seit 22 Jahren beteiligt ist, hat den Tierpfleger ernüchtert. Aber sieht man ihn, wie er an der Glasscheibe steht und die oft so zickige Yan Yan beobachtet, wie er ums Freigehege streift, um mit Bao Bao zu reden, dann merkt man: Die Jahre mit den Pandas haben seine Gefühle für sie erst so richtig groß gemacht. Vielleicht ist die wahre Liebesgeschichte eine zwischen ihm und den Bären. Bao Bao nennt er „einen Kumpel“. Und Yan Yan möchte er am liebsten in Ruhe lassen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine alte Jungfrau hinter Glas scharf ist auf das, was wir von ihr wollen“, sagt er.

Gleich nachdem die ersten Pandas bei ihm waren, hat Lutz Störmer den von den Chinesen empfohlenen geschmacklosen Bambus-Getreide-Brei reduziert und sich statt dessen in die Küche gestellt. Er hat Hühnersuppe mit Gemüse gekocht, Reiskuchen gebacken, Bananen und Erdbeeren gereicht. Jeden Morgen bringt er den Bären ein Küsschen in Form von Feigen. Mittags steht er bei Bao Bao am Freigehege und klappert mit dem Schlüsselbund. Der dicke Pelzball tappt heran. Die beiden Kumpel grinsen sich an. Störmer hält eine Möhre hoch. „Mach mal was dafür!“ Das Raubtier legt sich auf den Rücken und wackelt mit den Tatzen. Dann hält es die Möhre wie ein Mann eine Zigarre und beißt hinein.

Seit der Sache mit dem Fotografenfinger verbietet die Berufsgenossenschaft dem Tierpfleger, das Pandagehege zu betreten. Störmer geht trotzdem hinein. „Ohne die Streicheleinheiten könnte ich nicht sein“, sagt er. Es hört sich an, als streichelten, wenn er bei ihnen drin ist, die Bären den Mann.

Dieser Tage wird in die Liebesgeschichte noch eine neue handelnde Person eingeführt. Der Zoologische Garten erwartet einen Besamungsexperten aus China. Die Presse hat schon davon berichtet. „Irgendwas klappt wohl mit dem Visum nicht“, sagt der Wissenschaftliche Mitarbeiter Rahn, „der Mann sollte eigentlich längst da sein.“ Der wird dann allerlei Tricks versuchen, in einem anderen Zoo war man beispielsweise erfolgreich, weil man das Pandaweibchen drei Tage hintereinander besamte. Nur wenige Runden haben die Zeiger der Kuckucksuhr im Zoo noch, dann ist April. Aber so richtig ungeduldig klingt auch Peter Rahn nicht mehr.

Die letzten Pandas der Erde

Vor etwa einem Vierteljahrhundert wurden in China die 1000 Pandabären gezählt, die letzten auf der Erde. Zuchterfolge in den Zoos der Welt hat es seitdem kaum gegeben. Eine richtige Erklärung, warum das so ist, hat keiner. Es mag daran liegen, dass Pandas Einzelgänger sind. Niemand weiß, wie man sie dazu bringt, zueinander zu finden, weil auch niemand weiß, wie sie in freier Natur zusammenkommen. Bald wird es bei den noch frei lebenden Tieren Inzucht geben, sagt Lutz Störmer, dann ist diese Art wohl am Ende. 22 Jahre nachdem der Zoologische Garten Berlin überraschend zwei Pandas geschenkt bekam, darf er Tiere nicht mehr als Geschenke annehmen. Das Bundesamt für Naturschutz erteilt keine Genehmigungen mehr. Mittlerweile versuchen die Zoologen der Welt, die gefährdeten Arten vor Ort zu retten. Sie schützen die Urwälder, kaufen Ländereien, um sie vor Besiedlung zu bewahren und stellen Wildhüter ein. Das Geld für Yan Yan ist keine Leasinggebühr mehr, sondern fließt jetzt aus Berlin direkt in ein chinesisches Pandaschutzgebiet.

Auch bei den Pandabären im Berliner Zoologischen Garten bahnt sich ein Ende an: Die Tiere werden nur etwa ein Vierteljahrhundert alt. Bedrohlich tickt die Zeit. Aber erst einmal ist wieder April. Peter Rahn und Lutz Störmer werden zu tun haben, die Tierärzte und der chinesische Besamungsexperte. Die Presse wird die Liebesgeschichte weiter erzählen. Ein Happy End, wie Berlin und seine Journalisten es sich vorstellen, wird es vielleicht nicht geben. Aber es ist zumindest schon umzingelt.

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