Zeitung Heute : Warum haben die Russen Angst vor Schnittblumen?

Jens Mühling

Die Vorbereitung auf einen Hausbesuch hat in Russland etwas Kabbalistisches. Wer Blumen mitbringt, muss unbedingt auf eine ungerade Stückzahl achten. Selbst bei größeren Gestecken wird der Gastgeber ängstlichen Blicks die Summe der Einzelblumen überschlagen – und sollte etwa ein unkundiger Westler zum 50. Geburtstag 50 Rosen mitgebracht haben, wird der komplette Strauß diskret dem Müllschlucker überantwortet. Gerade Stückzahlen sind in Russland Begräbnissen vorbehalten. Und die notorisch abergläubischen Landesbewohner achten peinlichst auf die Einhaltung dieser Sitte.

Ein gestörtes Verhältnis zu Schnittblumen, egal in welcher Anzahl, kultivierte schon Anton Tschechow, der den Anblick abgetrennter Blumenleiber nicht aushielt, ja, ihn gar als Verkultung des Todes empfand. Tschechow muss mit diesen Überlegungen eine Art gesamtrussische Floralneurose ausgelöst haben, die im Lande bis heute virulent ist – und gerade erst einen neuen Ausbruch erlebt. Immer öfter hallt nämlich dieser Tage durch den Kreml der Schreckensruf: „Flores ante portas!“ Der russische Fachausdruck für diese Phobie heißt „zwetnaja rewoluzija“ – was sowohl „Farben-“ als auch „Blumenrevolution“ bedeuten kann. Gemeint sind jene Revolten in ehemaligen Sowjetrepubliken, bei denen in den vergangenen Jahren Demonstranten ihrer Forderung nach mehr Distanz zu Moskau mit Schnittblumen Ausdruck verliehen – entweder als Symbol des sanften Widerstands oder gleich als Namensgeber der Revolte. Es begann 2003 mit den Georgiern und ihrer „Rosenrevolution“. Im Folgejahr zettelten die Ukrainer eine „Orangenrevolution“ an und steckten den moskautreuen Regierungstruppen Lilien in die Gewehrläufe. Und letztes Jahr brachen dann auch noch die Kirgisen eine „Tulpenrevolution“ vom Zaun.

Den Kremlstrategen erfassen angesichts solcher Entwicklungen ähnlich abergläubische Gefühle wie den russischen Gastgeber. Letzteren packt Todesangst, wenn ein Fremder mit der falschen Blumenmenge vor der Tür steht. Und Ersterer bangt um sein Imperium, wenn an Russlands Grenzen die falschen Blumensorten auftauchen. Gerne wird dabei verdrängt, dass einst auch in Russland eine Blume als Revolutionssymbol diente: die rote Nelke. Aber das ist lange her. Heute sind Nelken ein unpolitisches, aber gern gesehenes Gastgeschenk. Solange die Anzahl stimmt.

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