Zeitung Heute : Warum haben die Sylter Reet auf dem Dach?

Johanna Lühr

Wenn schon, denn schon. Wenn schon Nordsee (Wind, Dünen, Meer), dann bitte auch Reetdachhäuschen (warm, urig, gemütlich). Und wenn schon Insel, dann Sylt. „Ein Ferienhäuschen mit Reetdach? Das wollen hier alle“, sagt die Dame vom Tourismusbüro Kampen, das sei auch überhaupt kein Problem. Denn im Dorf herrscht Reetdachzwang. Seit 1913 steht geschrieben: Nur reetgedeckte Häuser sollen in Kampen stehen, auch Sprossenfenster müssen sein. Wer das sagt? „Na, das steht im Ortsgestaltungsgesetz“, sagt eine andere Dame, vom Heimatmuseum. Und wieso? „Tja, aus ästhetischen Gründen würd’ ich mal sagen.“ Norddeutsche verschwenden bekanntermaßen keine Worte, aber eines kommt noch: „Heimatschutzbewegung.“

Die Schützer der Heimatkultur, das waren vor allem Architekten, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Schnickschnack der Gründerzeit mit seinen Türmchen satt hatten und wieder an die Bauweise der vorindustriellen Zeit anknüpfen wollten. Damals nahm man, was die Natur so hergab: Lehm für die Wände, Holz für den Dachstuhl und oben drauf Schiefer, Tonziegel oder eben Schilf. Von letzterem gab es genug an den norddeutschen Küsten. Etwas mühsam zu ernten, da man warten musste, bis das Wasser gefror, um es zu schneiden. Dafür aber ein Rohstoff, der nachwuchs.

In letzter Zeit sieht es damit allerdings dürftig aus. Reet ist durch die Meeresverschmutzung rar geworden, und wo es noch sprießt, steht es unter Naturschutz. Auch auf Sylt schläft man meist nicht unter heimischem Reet. „Das langt höchstens noch für zwei Dächer“, sagt Jan Finke, 28. Sein Material bekommt der Reetdachdeckerer vom Plattensee aus Ungarn geliefert. Er hat auch schon mit türkischem Schilf gedeckt. So ein Dach könne bis zu 60 Jahre halten, abhängig von Wind und Neigung. „Je steiler, desto besser“, damit der Regen besser herunter laufen kann. Den Sturmböen hält es dank seiner Elastizität sowieso bestens stand. Nur die Stoppelspitzen verrotten irgendwann.

Reetdächer halten die Nachbarn auf Abstand. Auf Sylt müssen die Häuser mindestens zwölf Meter auseinander stehen, damit ein Feuer nicht sofort übergreift. Nur auf eines muss man dabei verzichten: das „Abbrennen von Feuerwerkskörpern“ ist auf Sylt seit 1979 verboten. Am Strand oder in der Nähe von Hartdachhäusern werden, so sagt man, jedoch beide Augen zugedrückt. Aber wer will da schon wohnen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar