Zeitung Heute : Warum haben junge Männer Hanteln unterm Bett?

Tobias Haberkorn

Jeder junge Mann fürchtet den kritischen Blick auf seine Hühnerbrust. Warum besteht mein Oberkörper nicht aus einem voluminösen Muskelpanzer? Und wieso hängen rechts und links nur diese fahlen, dünnen Ärmchen herunter? Das ist ein Mr.-Universe-Syndrom, von dessen Hartnäckigkeit Mädchen ganz sicher nicht den leisesten Schimmer haben. Wenn sie sich in pubertärem Übermut am Schminkkästchen vergehen, sieht es vielleicht anfangs noch nach Kriegsbemalung aus. Doch mit wachsendem Gefühl für den Kajalstift ist ein Make up auf die sanfte Tour hinzukriegen.

Jungs haben es da im wahrsten Sinne des Wortes schwerer. Ihr Schönheitsideal lässt sich nur mit bleiernen Gewichten erreichen. Dazu braucht es Fleiß, Disziplin, ein bisschen Kraft und Hanteln.

So lässt sich erklären, dass in den allermeisten Jungs- und Jungmänner-Zimmern zwei dieser fiesen Gewichtsklumpen zu finden sind. Mal die ostentativ zur Schau gestellte Langhantelstange, mal die Fünf-Kilo-Exemplare vom Versandhaus, die unterm Bücherregal Staub sammeln – irgendwo steckt die Reminiszenz an jugendliche Trainingsanfälle, durch die der Schmächtige zum Prächtigen werden wollte. Ob sich tatsächlich ein Adonis-Körper entwickelt hat, ist gar nicht so wichtig. Es zählt die Geste: Ich habe den Kampf mit Mr. Universe aufgenommen.

Schwach auf der Brust zu sein ist später auch kein zu großes Manko mehr, wenn die labilste Teenager-Phase vorbei ist. Hanteln seien ein typisch männliches Statussymbol, meint der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. „Bei der Identitätssuche in der Pubertät sind Jungs natürlich mit dem gängigen Männlichkeitsbild konfrontiert. Ein muskulöser V-Körper mit Waschbrettbauch wird schon in Kindercomics und Spielfiguren präsentiert.“ Später kommt es dann aber oft zu einem bewussten Gegenentwurf, wenn sich Jugendliche über ihre Andersartigkeit definieren. Die Hanteln werden links liegen gelassen – aber wegschmeißen, das geht trotzdem auf gar keinen Fall. Rocky und Henry Maske sind ja auch nochmal zurück gekommen.

Das Äquivalent zur Hantel für Jungs ist der Fitnessclub für Erwachsene. In den Mucki-Buden wird auch nicht immer hart am Körper gearbeitet. „Viele gehen nur zum Fruchtsafttrinken ins Fitnessstudio“, sagt Herbert Scheithauer. Immerhin besser für den Stoffwechsel als Gewichte unterm Bett.

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