Zeitung Heute : Warum haben Schweden so viel Geschmack?

Minka Wolters

Auf dem Fensterbrett steht ein silberner Kerzenleuchter und auf dem gescheuerten Holztisch ein einfacher Keramikkrug mit frischen Blumen. Hell und luftig ist es – und frisch gebohnert. Altmodisch irgendwie und gemütlich, aber gar nicht spießig. Wohl auch, weil der große, gefältelte Lampenschirm in der Studentenbude mitten in Stockholm weiß ist und keine lichtschluckenden (typisch deutschen) Gardinen vor den Fenstern hängen. Nur karierte Vorhänge sind da, ein geblümtes Sofa – und ein cremefarben gestrichener Dielenboden.

Ja, nett und freundlich ist es hier, denn klar: Wer in einem Land wohnt, in dem es von September bis April eigentlich nie richtig hell wird, braucht viel Licht in den eigenen vier Wänden.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren auch in Schweden schwere, dunkle Eichenmöbel en vogue. Doch dann kam Carl Larsson: 1897 zeigte Schwedens einflussreichster Künstler seiner Zeit Aquarelle seines Hauses in Sundborn, für das Ehefrau Karin viele Möbel und Textilien gestaltet hatte. Diese einfachen, persönlichen Interieurs mit bäuerlichen Möbeln und hellen Farben fanden internationale Beachtung und gelten noch heute als typisch schwedisch. „Wir Schweden wollen uns noch immer fast alle so einrichten wie Karin und Carl“, sagt Agneta Molander, Inhaberin eines Hamburger Möbelgeschäfts. „Wir mögen es eben reduziert. Weniger ist mehr.“ Holz, Leinenbezüge, Kerzen, zarte Stoffe wie Musselin und stabile Möbelstücke, die irgendwie ein heimeliges Gefühl, so was wie Geborgenheit schaffen: Diese Mischung macht’s nicht nur für Wohngemeinschaften, sondern für die meisten schwedischen Haushalte.

Denn wie allgemein bekannt, ist der schwedische Winter lang und sehr, sehr dunkel - und der heißgeliebte Sommer, dem die Schweden alljährlich neun bis zehn Monate lang entgegenfiebern, viel zu schnell vorbei.

Weil auch ein Essen im Restaurant und Alkohol in Kneipen sehr teuer ist, halten sich Schweden viel zu Hause auf und treffen dort ihre Freunde – und legen dementsprechend Wert auf eine ansprechende Umgebung. Inspiriert von der Gemütlichkeit der Larssonschen Einrichtung schrieb die Ästhetin Ellen Key Anfang des 20. Jahrhunderts einen Aufsatz, in dem sie „Schönheit für alle“ forderte und ihr soziales Engagement formulierte.

Der Geist Ellen Keys prägt heute, 100 Jahre später, noch immer das schwedische Design: Es ist eine Angelegenheit für alle Menschen, nicht nur für diejenigen, die sich etwas leisten können.

Der deutsche Designer Konstantin Grcic drückt es so aus: „Das moderne schwedische Design spielt eine selbstverständliche Rolle im Alltag und ist nicht wie in anderen Ländern einer Elite vorbehalten.“

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