Zeitung Heute : Warum ich’s tue

Stephan-Andreas Casdorff

Ich war fünf und mochte meine Patentante sehr. Sie roch so gut, hatte wunderschöne weiße Handschuhe und hörte auf den geheimnisvollen Namen „Bally". So jedenfalls nannte mein Vater sie, und obwohl beide seit Jahrzehnten befreundet waren, siezten sie einander. Das sei so üblich, sagte meine Mutter gerne, was ich nicht verstand, Bally aber umso interessanter machte. Sie sei eine baltische Prinzessin, erzählte meine Mutter noch, und das war für mich, als sei ich der kleine Lord. Einmal im Monat gingen Bally und ich essen; aber nicht nur einfach so, sondern „fein", wie es damals hieß. In Restaurants mit viel Besteck und vielen Gängen. An einem dieser Tage war es soweit: Beim Hinausgehen kam die Dame des Hauses, ich nahm ihre Hand, vorsichtig, beugte meinen Kopf, bis mein Mund knapp über ihrem Handrücken war. Bei meinem Vater hatte ich es so ähnlich gesehen, und ich wollte heute ein Mann von Welt sein, ein Herr. Und ich wollte Bally imponieren. Wir verließen das Restaurant. Auf dem Heimweg sagte sie sanft, mit ihrer weichen, rollenden Stimme: Nicht jede Frau ist eine Dame, und nicht jede Hand wird geküsst. Nur wenn, dann richtig. Heute hast du es schon richtig gemacht.

Verstehen Sie jetzt, warum ich den Handkuss nicht aufgeben will?

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