Zeitung Heute : Warum ist Deutschland so schön?

Das ehemalige Erholungsheim „Friedrich Engels“ in der Uckermark: Beton auf zwölf Etagen, 1000 Betten, ausgebucht. Der Urlaub vor der Haustür ist wieder beliebt.

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Von Kerstin Decker

Drei Schritte aus dem Wald, und der Wanderer sieht – eine Fata Morgana. Eine Fata Morgana aus Beton. Sie geht nicht weg. Das da vorn ist echt. Eine Widerlegung der Architektur auf zwölf Stockwerken. Wir stehen vor dem „Ferienhotel Templin“.

„Deutschland zum Verlieben“ hatte die Zeitschrift „Max“ versprochen und die 120 besten Tipps von Kiel bis Konstanz gegeben. Alle reden vom neuen Urlaub in Deutschland. Im ersten Euro-Jahr, im ersten Sommer nach dem 11. September. Ist das der Beginn einer Wir- bleiben-jetzt-alle-zu-Hause-Welle? Aber die Uckermark hatte „Max“ vergessen. Nördlich von Oranienburg war auf der Deutschland-zum-Verlieben-Karte alles leer. Erst Mecklenburg-Vorpommern bekam wieder Liebespunkte. Also fahren wir in die Uckermark, wo Erich Mielke jagte. In den Brandenburger Landkreis, der größer als das Saarland ist. Hier kam nicht mal Fontane hin. Wenn die These vom Urlaubsplus in Deutschland stimmt, dann muss auch jemand in der Uckermark sein. Selbst wenn „Unteruckersee“ ganz anders klingt als Lago Maggiore.

Und nun dieses Hotel. Der Strand ist leer nach dem Regen. Es beginnt sacht zu hageln. Anderswo gibt es Eiswürfel nur in Cocktails. Dort, wo man mit dem Flugzeug hinkäme. Das Rettungsschwimmerhäuschen mit Lautsprecher obendrauf ist auch aus Beton. In verblassten Buchstaben lesen wir, dass „das Betreten der Anlage und Verweilen dort und besonders das Baden in der Zeit von 22 Uhr bis 6 Uhr verboten“ sind. Zuwiderhandlungen würden „ausnahmslos angezeigt“. Es ist erst 15 Uhr. Hatte „Max“ doch Recht, die Uckermark zu vergessen? In Katalogen nennt sich das Ferienhotel Templin einfach „höchstes Hotel“ und ist immer aus einem Sicherheitsabstand fotografiert, mit einer freundlichen Unschärfe. Es ist nicht schwer, in der Uckermark der Größte zu sein, denn hier ist alles niedrig, sogar die Kirchtürme. Es wohnen auch kaum Leute hier. Die Uckermark ist der dünnstbesiedelte Landkreis Deutschlands. Darum steht das Templiner Ferienhotel ganz allein im Wald. Nachbarn sind Mangelware. Häuser mit mehr als drei Stockwerken wirken hier großmannssüchtig. Und das Templiner Ferienhotel hat gleich zwölf. – Ich habe nicht nur das höchste, sondern auch das größte Hotel der Uckermark, sagt Jonas Avendaño.

Erschrecken vor der eigenen Courage

Avendaño ist der Hoteldirektor, genauer: Regional Director North-West der Albeck & Zehden Hotel Division. Es ist sogar das größte Hotel in ganz Brandenburg, und wahrscheinlich, so befürchtet Avendaño und fällt tief in seinen schwarzen North-West-Director-Sessel zurück, ist es sogar das größte in den neuen Ländern überhaupt. Tausend Betten im dünnstbesiedelten Landkreis Deutschlands! Avendaño macht eine kurze Pause. Das muss der Augenblick des Erschreckens vor der eigenen Courage sein. Tausend Betten dort, wo die Seen Unteruckersee und Oberuckersee, Großer Beutelsee, Großer Mahlgastsee oder Oberpfuhl heißen.

Sollen die Urlauber Postkarten „Herzliche Grüße vom Oberpfuhl“ verschicken? Und was machen die Kinder, die solche Postkarten absenden müssen, während ihre Freunde Briefe von der Riviera schreiben? Jonas Avendaño lächelt ein geheimnisvolles Siegerlächeln. Es ist ihm egal, wenn manche sein Hotel nicht mögen. Er hat es schließlich nicht gebaut. Das war der FDGB, der gewerkschaftliche Feriendienst der DDR, mit dem fast alle Ostler verreisten. Am 6. Juni 1984 eröffnete der FDGB das Erholungsheim „Friedrich Engels“. 585 Zimmer in drei Flügeln, Schwimmhalle, eine Bibliothek mit 13 000 Büchern, Vortrags- und Clubräume und solche für „die künstlerische Selbstbetätigung“. Höhepunkt der kurzen DDR-Laufbahn des Erholungsheims „Friedrich Engels“ war 1988 ein Lehrgang für die DDR-Olympiamannschaft zur Vorbereitung der Spiele in Seoul. Dann kam der letzte Sommer des FDGB-Heims. Mit seinen tausend Betten ragte es in die Marktwirtschaft hinein. Die Stammgäste waren plötzlich in Spanien, Griechenland und Italien. Die Uckermark hatten sie vergessen.

Von Jahr zu Jahr mehr Gäste

Aber so wie Jonas Avendaño sieht kein Verlierer aus. Er besitzt die unkränkbare Zuversicht des Erfolgreichen, diese Wohlbeleibtheit des Gemüts. Innen hat seine Hotel-Division schon viel modernisiert. Der „grüne“ und der „blaue Flügel“ sind fast neu. Eigentlich kommt Jonas Avendaño aus Bayern, aber das hört man gar nicht. Wahrscheinlich war sein Hochdeutsch eine vertrauensbildende Maßnahme, als er vor fast zwei Jahren hauptberuflicher Uckermärker wurde. Natürlich, bei ihm zu Hause sehen Hotels meist anders aus. In Bayern tragen die Seen auch andere n. Starnberger See, Chiemsee. Darunter kann der Mensch sich etwas vorstellen. Andererseits, das hat Jonas Avendaño in zwei Jahren Templin erfahren, müssen sich die Menschen auch bei „Großer Plötzowsee“ wieder etwas denken, oder eben beim „Lübbesee“. Denn das Templiner Ferienhotel am Lübbesee mit zwölf Stockwerken und tausend Betten ist voll. Fast ausgebucht bis in den September. Und von Jahr zu Jahr kommen mehr Gäste.

Es gibt ihn also doch, oder es gibt ihn wieder: den Deutschland-Urlauber, das unbekannte Wesen. Eine Reisekauffrau in Berlin-Treptow erlitt kürzlich einen Kulturschock, als ihre Kinder bei Erwähnung des Vogtlandes eine Nachbarschaft zu Estland oder Lettland erwogen. Est-, Lett-, Vogt-. Könnte hinkommen, dachten sie. Den Namen Vogtland hatten sie noch nie gehört. Alle spanischen Küsten kennen sie, aber kein deutsches Mittelgebirge. Damit hatte die Reisekauffrau und vormalige Vogtlandurlauberin nicht gerechnet: dass den eigenen Kindern einmal gänzlich fremd sein würde, was einem selbst das Vertrauteste war. Mehr Urlaub in Deutschland? Sie würde es sich wünschen. Aber die Reisekauffrau glaubt noch nicht daran. Bei ihr in Berlin-Treptow war alles wie in den Jahren zuvor. Wer bei ihr buchte, wollte eigentlich überall hin, sehr gern in die Türkei, auch – 11. September hin, 11. September her – in die arabischen Länder, nach Tunesien und Ägypten. Nur an die Ostsee und ins Vogtland fuhr auch dieses Jahr kaum einer. Zu teuer. Und nicht weit genug weg von zu Hause.

Vom Lübbesee hat die Treptower Reisekauffrau bestimmt noch nie gehört. Es könnte ihr zweiter Kulturschock sein: Die Empfangsdame an der Rezeption des Ferienhotels Templin schaut bloß für ein kurzes, freundliches „Wir sind ausgebucht“ von den Reiseanmeldungen auf. Die Gäste reichen ihre Ameropa- und Neckermann-Vouchers mit derselben Routine über den Tresen wie auf Mallorca oder Kreta. Nur dass draußen vorm Hotelstrand nicht das Mittelmeer liegt, sondern der Lübbesee. „Guck mal, Esther, die Fische!“, ruft eine ältere Frau auf Sächsisch dem vor Kälte zitternden kleinen Mädchen im Wasser zu. Die Fische kommen, damit wir sie besser sehen können, fast bis an den Strand. Also ein Binnen-Mittelmeer. Nur Binnensee-Skeptiker glauben, man könne in so einem Gewässer keine Fische sehen. Zu trübe, zu schlammig. Der Lübbesee widerlegt die Feinde des Binnensees.

Hotels am Mittelmeer bringen es gerade mal bis zu einem eigenen Hotelstrand, das Ferienhotel Templin dagegen hat einen eigenen See. Zwölf Kilometer lang. Ein Freiburger Ehepaar schaut lange hinaus aufs Wasser. Zum Lago Maggiore wäre es nicht so weit gewesen. – Es ist fast wie am Bodensee, sagt die Frau. – Es ist völlig anders, korrigiert ihr Mann. Er hat Recht. Am Bodensee wohnt immerzu jemand, Martin Walser zum Beispiel. Am Lübbesee nicht. Botho Strauß ist zwar auch schon in die Uckermark gezogen, und er hat das auch begründet - mit der Schwierigkeit, einen Nachbarn zu haben: „Seit zwanzig Jahren habe ich nach einem solchen Ort gesucht, wo niemand mir zu nahe wohnt…“ Also ist Botho Strauß nicht am Lübbesee. Es gibt allein 400 Seen in der Uckermark, das Bodensee-Schwaben dagegen hat nur einen. Lychen liegt an sieben Seen, Templin muss mit sechs auskommen.

Enthusiasten nennen die Uckermark auch die „Toskana des Ostens“. Nicht bloß, weil immer mehr Berliner in die Uckermark ziehen und es nun mal komfortabel finden, die Toskana gleich vor der Haustür zu haben. Viele uckermärkische Häuser gehören schon Berlinern. Richtige Uckermärker verstehen fast nie, dass man am Sonntag woanders wohnen will als in der Woche. Sie haben doch auch keine Wochenendhäuser in Berlin. Die Auswärtigen fallen auf die Endmoränen rein. Was aussieht wie Toskana, ist nämlich in Wirklichkeit Eiszeit. Darum sind Uckermark-Gesänge meist Endmoränen-Lyrik. Die Uckermark ist Kult. Volker Koepps Dokumentarfilm über die Uckermark heißt einfach „Uckermark“ und hat es bis in die Kinos geschafft. Da läuft er immer entweder vor oder nach „101 Reykjavik“. Koepp hat einen Kameramann, der ist Fachmann für Endmoränen-Lyrik in Bildern. Die Himmel höher, die Horizonte tiefer. Aber zu einem Koepp-Film gehört auch das soziale Element wie die arbeitslose uckermärkische Betonwerkerin. Man hat ihren Beruf als Frauenberuf nach der Wende kurzerhand abgeschafft, genau wie den der Kranfahrerin.

Der Adel ist zurück

Neu wieder eingeführt dagegen wurde der Adel. Fast die ganze Uckermark gehörte mal den von Arnims. Und die sind nun wieder da. Es geht ihnen wie Jonas Avendaño vom Ferienhotel. Sie kommen zwar aus Bayern, sind aber schon (wieder) bekennende Uckermärker. Nur die Hotels derer von Arnim unterscheiden sich ein wenig von Jonas Avendaños Hotel. Sie heißen „Landhaus Arnimshain“ oder gleich „Herrenstein".

Bei dem Namen „Ferienhotel“ graben sich jedesmal zwei senkrechte Falten zwischen die Augenbrauen des Niedersachsen und Langzeit-Berliners Thomas Kerzel. Kerzel ist der Tourismus-Chef der ganzen Uckermark. Vor zwei Jahren ist er nach Templin gezogen. Wegen der Lebensqualität, sagt Kerzel. Es klingt wie: Erst wer aus Berlin raus ist, lernt wieder, was Leben bedeuten kann. Botho Strauss würde nie „Lebensqualität“ sagen, aber in „Die Fehler des Kopisten“ steht sinngemäß das Gleiche. Kerzel gehört zu denen, die glauben, dass auch die Erwachsenen im FDGB-Heim „Friedrich Engels“ in Doppelstockbetten schlafen mussten.

Das eigentliche Wunder von Templin ist jedoch nicht das Ferienhotel, sondern seine Natur-Therme, sagt Kerzel. Im November 2000 eröffnet, kamen schon im ersten Jahr fast eine halbe Million Gäste. Und so geht das weiter in der einzigen kommunistischen Stadt Deutschlands. Denn nur in Templin kann jeder umsonst mit dem Bus fahren. Kommunismus? Thomas Kerzel möchte das lieber „fahrscheinfreier Nahverkehr“ nennen. Und dann beginnt er aufzuzählen, was die Uckermark so unverwechselbar macht, von den Lychener Floßfahrten bis zur „Eiszeitstraße".

Noch vor zwanzig Jahren war der Reisemarkt ganz übersichtlich. Der Ökotourist wollte seine kleine Hütte, der Manager wollte sein Fünf-Sterne-Hotel. Heute gönnt sich der Student das Fünf-Sterne-Hotel, und der Manager sucht sich eine Strohhütte. Vielleicht fährt er auch ins Ferienhotel Templin.

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