Zeitung Heute : Warum ist es in italienischen Häusern so kalt?

Ulf Lippitz

Selbst in Rom kann man sich nicht auf ganzjähriges Sonnenwetter verlassen – und auf eine bei Bedarf funktionierende Heizung. Wenn es draußen unaufhörlich regnet, so wie kürzlich geschehen, der Wind kühl bläst, die Zimmer drinnen feucht werden, dann dreht der gemeine Mitteleuropäer gedankenlos die Heizung auf. Nur: In Italien geht die Heizung nicht an. Weder ein sachtes Drehen am Thermostat noch ein ruckartiges Drücken helfen. Die Röhren bleiben kalt. So hält man es in römischen Wohnungen derzeit nur mit drei Decken am Leib aus und hat ständig das Gefühl, am Rande einer Erkältung zu stehen.

In Italien funktionieren Heizungen erst von Mitte November bis Ende Februar, in manchen Regionen bis Ende März. Der Grund ist ganz einfach: Heizen ist teuer. Die römische Tageszeitung „La Repubblica“ schreibt, dass Mieter in Italien einen der höchsten Abschläge für Heizgas oder -öl in Europa zahlen. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Anbieter, sein eigenes System und seinen eigenen Preis. Antonella beispielsweise ist Direktorin an einer Grundschule. Sie bewohnt eine großzügige Zwei-Zimmer-Wohnung im Norden Roms, mit einem langen Flur, Küche und Bad. Wenn der Hausmeister im November die Heizung im Keller in Betrieb nimmt, zahlt sie pro Monat 90 Euro, bis Ende März laufen 450 Euro an Zusatzkosten auf. Je mehr Parteien im Gebäude leben, umso billiger wird der Anteil. Da Antonellas palazzo nur vier Etagen hat, muss sie mehr bezahlen als in einem Siebengeschosser.

Jeder Temperatursturz davor oder danach muss entweder zähneknirschend erduldet werden oder entfacht plötzlichen Aktionismus. Der Hausmeister darf nämlich außerhalb der geregelten Saison die Heizung nur unter einer Bedingung anstellen: wenn der Verwalter oder Eigentümer ihn dazu ermächtigt. Damit das geschieht, müssen aber alle Parteien im Haus ihre Einwilligung geben. Der Prozess verzögert sich, wenn auch nur eine Familie im Urlaub weilt, der Verwalter unerreichbar oder der Hausmeister unauffindbar ist. Der Heizungsraum bleibt geschlossen, bis alle wieder da sind. Das ist nach drei Tagen erfahrungsgemäß der Fall. Aber dann ist der Kälteeinbruch ja auch meist wieder vorbei.

Antonella erinnert sich an ein Ostern, als es plötzlich schneite und die gesamte Familie mit Decken um den Tisch saß. Sie erzählt, wie gut es die Menschen in Rom trotzdem haben. Auf dem Land gibt es in einigen Häusern gar keine Heizung – oder sie funktioniert wie ein geschundenes Maultier: mit halber Kraft. „Aber die neuen Wohnungen haben alle eine Zentralheizung“, sagt sie stolz – und fügt hinzu: „seit den 80er Jahren.“ Nur sind in in Rom rund 80 Prozent der Häuser aus der Zeit davor.

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