Zeitung Heute : Warum ist Ostern kein großes Fest auf der Osterinsel?

Matthias Oloew

Wäre der Niederländer Jakob Roggeveen nicht zufällig am Ostersonntag 1772 dort vorbeigekommen, sondern an einem anderen hohen kirchlichen Feiertag, würde das wohl abgeschiedenste Eiland der Erde nicht Osterinsel heißen. Sondern vielleicht Pfingstinsel, oder Maria-Himmelfahrt-Insel, oder so ähnlich. Nun entdeckten die Europäer aber den äußersten Außenposten Polynesiens an den Osterntagen für sich und verpassten ihm eben diesen Namen. Dabei hatte der schon einen: Rapa Nui – das heißt übersetzt etwa „Der Nabel der Welt“.

Der Name ist zwar genauso verwirrend wie die heute allgemein übliche Bezeichnung, aber die Bewohner glaubten einst wirklich, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Kein Wunder: Sie hatten keinen Kontakt zur Außenwelt und meinten deshalb, sie seien allein auf weiter Flur. Da wurden sie eines besseren belehrt. Heute kommen vor allem zu Ostern Touristen auf die Insel, weil das naheliegend oder lustig erscheint, dabei spielt Ostern ausgerechnet auf der Osterinsel nur eine ganz untergeordnete Rolle.

Das größte Fest auf der politisch zu Chile gehörenden Insel wird Tapati Rapa Nui genannt und ist ein mehrtägiges Festival, in dessen Mittelpunkt die Wahl einer Schönheitskönigin steht. Darüber hinaus findet ein künstlerischer und sportlicher Wettbewerb statt. Viele traditionelle Bräuche werden präsentiert, die aber allesamt gar nichts mit Ostern zu tun haben.

Europäische Osterbräuche hätten es auf der Osterinsel ohnehin schwer. Denn noch immer wächst auf der Insel kaum ein Baum, unter dem man ein Osterei verstecken könnte. Das liegt an den einheimischen Bräuchen, die mit den weltberühmten Steinskulpturen, den Moai, zu tun haben. Um die Figuren, die aus dem Lavagestein des erloschenen Vulkans Rano Raraku im Norden der Insel gehauen wurden, zu transportieren, fällten die Menschen von Rapa Nui fast alle Palmen, die einst das Erscheinungsbild prägten, und rollten die Skulpturen auf deren Stämmen von Ort zu Ort.

Heute würden die Insulaner auf den Rummel um die Moai-Figuren gern verzichten und Bäume pflanzen oder Äcker anlegen. Das dürfen sie aber nicht, weil der Großteil der Insel seit 1995 zum Weltkulturerbe gehört und nicht verändert werden darf. Damit bleiben die Menschen von Nahrungsmittelimporten abhängig. Und die Osterbräuche unbekannt.

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