Zeitung Heute : Warum Jungs nicht so gerne tanzen

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Ein paar toben sich so richtig aus, einige treten tanzbärenartig auf der Stelle, aber die meisten stehen am Rand mit einer Flasche Bier in der Hand und sagen, sie mögen die Musik gerade nicht so oder hätten sich beim Fußball was gezerrt: Männer in Discos. Dass Mädchen lieber tanzen als Jungs, das hat soziologische Gründe.

Schuld ist der Sport. Oder besser: „die Sportsozialisation der Jugend seit dem Nationalsozialismus“, sagt Anke Abraham, Professorin an der Uni Marburg, wo sie „Psychologie der Bewegung“ lehrt.

„Tanzen gilt immer noch als feminin“, sagt Abraham. Das gehe zurück auf die Tradition des 18. Jahrhunderts, in der Tanz etwas Weibliches war, als nachvollziehende Kunst, während der Mann in der Kunst die Rolle des Gestalters hatte. „Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Ausdruckstanz und Gymnastikbewegung zwar, die Rollenteilung aufzulösen“, sagt Abraham, „aber der Nationalsozialismus hat das gekappt und dem Tanz in Deutschland nie die Chance gegeben, aus dem MannFrau-Schema auszubrechen.“ Stattdessen wurde der klassische Sport immer wichtiger, durch Akademisierung und Sponsoring. „Sportarten wie Fußball sind den Ideen des Tanzes aber diametral entgegengesetzt“, sagt Anke Abraham. Jungs lernen nur das Prinzip von Sieg und Niederlage kennen, die Fixierung auf ein Ziel. Beim Tanzen gebe es aber kein Ziel. „Es geht um den Ausdruck von Gefühlen, die Preisgabe seines Innern. Jungs, die nie damit bekannt gemacht wurden, denen ist das peinlich, die tanzen nicht gerne.“ rcf

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