Zeitung Heute : Warum Kinderarbeit nicht nur negativ zu sehen ist

Wenn Kinder und Jugendliche vor Ausbeutung geschützt werden, können sie sich durch ihr Engagement eine Existenz aufbauen und sich weiterbilden

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Teppiche von Kindern geknüpft, Hemden von Kindern genäht, teure Kleidung, die unter miserablen Arbeitsbedingungen produziert wurde – all diese Dinge, die durch ausbeuterische Kinderarbeit zustande gekommen sind, will und sollte niemand kaufen. Doch den Waren sieht man nicht an, auf welche Weise sie hergestellt wurden.

„Wenn Kinder unter schwersten Bedingungen arbeiten oder ihre Gesundheit und ihre Bildung gefährden, so ist das selbstverständlich abzulehnen,“ sagt Peter Strack, der zehn Jahre als Leiter des Büros von terre des hommes für Südamerika zuständig war und fügt hinzu, „ doch produktive Tätigkeit von Kindern an sich sehen wird nicht von vornherein als schlecht an“. Denn nicht alles ist ausbeuterische Kinderarbeit. Es gibt viele Fälle, wo Heranwachsende aus der Armut heraus gezwungen sind, Geld für sich und die Familie zu verdienen. In diesen Fällen versuchen die Projektpartner von terre des hommes, entweder die Arbeitsbedingungen zu verbessern oder alternative Möglichkeiten zu schaffen.

So gibt es beispielsweise Hoffnung für die Kinder von Illakal im indischen Bundesstaat Karnataka. Die Region ist von Dürre und Armut geplagt. Die Menschen sind gezwungen, jede Arbeit anzunehmen. Und so sind viele Kinder in Steinbrüchen tätig, um farbigen Granit für Europa und den Fernen Osten abzubauen. Obwohl nach dem indischen Gesetz Kinder erst vom 16. Lebensjahr an arbeiten dürfen, schuften etwa 2000 von ihnen unter erbärmlichen Bedingungen. Arbeitsschutz und Sicherheit sind in den Steinbrüchen ein Fremdwort. So hauen Jungen Sprenglöcher in die Berge und tragen Steine, Mädchen und Frauen schleppen Wasser oder räumen nach den Sprengungen das Geröll weg – 15 Rupies, das sind 30 Cent, gibt es dafür am Tag. Etwa 600 Menschen, darunter auch Kinder, bekommen gar nichts, da sie als Schuldknechte gehalten werden.

In dieser Situation begann Vikasa im Auftrag von terre des hommes mit der Projektarbeit. Ziel ist es, die Kinder vom Zwang zur Arbeit in den Steinbrüchen zu befreien, damit sie zur Schule gehen und eine Berufsausbildung machen können. Und so haben 50 Mädchen und Jungen die Möglichkeit, für ein halbes Jahr aus den Steinbrüchen in die „Vikasa-Brückenschule“ zu gehen. Dort können sie sich zunächst von ihrer schweren Arbeit erholen, um dann in eine reguläre Schule integriert zu werden. Zusätzlich werden für weitere 150 Kinder in zehn Dörfern der Region ein Jahr lang Abendschulen angeboten. 50 Jugendliche sollen „Unternehmer-Kurse“ besuchen, in denen sie lernen können, wie man gemeinsam einen Betrieb oder ein kleines Geschäft aufbaut. Doch solch ein Projekt ist letztlich nur erfolgreich, wenn auch die Familien bessere Einkommensmöglichkeiten finden. Damit die Eltern auf die Mitarbeit ihrer Kinder verzichten können, lernen beispielsweise die Mütter in Selbsthilfegruppen in mehr als 40 Dörfern, wie sie Kleinkredite beantragen, um sich selbstständig zu machen. Vikasa wird mit rund 90 000 Euro von terre des hommes gefördert.

„Man muss arbeitende Kinder nicht immer nur mit Negativem verbinden“, sagt Peter Strack und gibt ein Beispiel aus Lateinamerika: die „Bewegung arbeitender Kinder“. Allein in Peru gäbe es 12 000 Kinder, die sich freiwillig oranisiert haben. Denn produktiv tätig zu sein, müsse nichts Schlechtes bedeuten. Es werde erst dann untragbar, wenn die Bedingungen nicht stimmen, meint der tdh-Südamerika-Spezialist. Diese Kinder benötigen das Geld, um Schule oder Studium finanzieren zu können oder tragen mit ihren Einnahmen zum Familieneinkommen bei. Sie arbeiten hauptsächlich als Straßenhändler und verkaufen unter anderem Obst, Gemüse und Süßigkeiten. Unterstützt werden sie durch die ansässigen tdh-Projektpartner. In Peru betreibt einer der Partner beispielsweise einen Fruchtsaftstand auf dem Markt und eine Brotbäckerei. Bei Manthoc, ebenfalls ein peruanischer tdh-Projektpartner, produzieren die Kinder Kunstpostkarten, die sie dann vertreiben. Solche produktiven, kreativen Tätigkeiten sind von den Kids zu bewältigen, machen ihnen Spaß und helfen auch, ihr Selbstwertgefühl und damit die Selbstständigkeit zu stärken.

Hilfe für Kinder in Not bedeutet in erster Linie Sozialarbeit mit den Menschen. So berichtet Peter Strack, dass es schwierig sei, beispielsweise bolivianischen Arbeitgebern klarzumachen, dass es keineswegs eine soziale Tat ist, wenn sie minderjährige, billige Arbeitskräfte beschäftigen. Im Bereich der armen, aber keineswegs sozial schwachen Bergwerksfamilien dagegen werde sofort zugegriffen, wenn sich eine Alternative für ihre Kinder biete, um sie davon abzuhalten, freiwillig Erz abzubauen, eine Arbeit, die nicht nur die Eltern unterbinden wollen, sondern auch die Bergwerksbetreiber.

Erfolgreich gestartet ist ein weiteres tdh-Projekt in Bolivien, und zwar Plastikrecycling. Die Kinder haben die Möglichkeit, sich tagsüber für zwei oder drei Stunden damit zu beschäftigen und verdienen das Doppelte wie früher, wofür sie nachts sechs Stunden oder mehr arbeiten mussten. Sie tun es nun freiwíllig.

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