Zeitung Heute : Warum knipsen die Italiener so gern das Neonlicht an?

Birgit Schönau

Letzten Sommer war ich in einem kleinen sizilianischen Ort zu einem Grillabend eingeladen. Es war ein lauer Abend nach einem heißen Tag, Grillen zirpten, in der Luft lag der Duft von Orangenblüten, in Deutschland hätten sie unweigerlich ein paar Gartenfackeln angezündet oder doch wenigstens das eine oder andere Windlicht, um die romantische Stimmung zu verstärken. Aber dass Italiener romantisch seien, glauben nur die Deutschen. Sie glauben das, weil sie selbst romantische Vorstellungen von Italien haben.

Italiener sind nicht romantisch, sondern pragmatisch. Sie spielen sterbenslangweiligen Ergebnisfußball mit einer Betonabwehr, statt romantisch immer weiter aufs gegnerische Tor zu rennen, wenn es viel kraftsparender wäre, ein Einszunull über die Zeit zu retten. Und wenn sie an einem lauen Sommerabend grillen, knipsen sie eben das Neonlicht an, damit sie sehen können, was sie auf dem Teller haben.

Bei den Sizilianern handelte es sich um gegrillten Hammeldarm, da ist man für eine konturenunscharfe Beleuchtung ehrlich gesagt ganz dankbar. Gegen die Mücken aus dem Orangenhain hatte der Hausherr neben die Neonröhre noch ein blau glühendes Gerüst gehängt, in dem jedes Insekt laut zischend verkohlte. Nach einem guten Dutzend Hammeldärmen gab es eine Runde Bonbons, die in einer kleinen Holzdose in Sargform gereicht wurden. Die Gastgeber arbeiteten in einer Antimafia-Kooperative, und sie fanden, die Sargdose sei ein guter Gag.

Aber es soll hier nicht um italienisches Design gehen, sondern um italienische Beleuchtung. Einmal habe ich bei uns zu Hause in Rom ein paar Kerzen auf den Esstisch gesetzt. Wieso machst du das Licht nicht an, hat mein Mann gefragt, blankes Entsetzen in der Stimme. Mein Mann ist Römer. Wegen der Atmosphäre, habe ich erklärt. Mein Mann hat kurz überlegt, dann hellte sich sein Gesicht auf. Ich weiß jetzt, wo ich das schon mal gesehen habe. Ich meine, dieses Licht. Auf dem Friedhof. Da zünden wir nämlich auch Kerzen an. Wir essen seither immer bei voller Beleuchtung, damit der Arme nicht auf schwarze Gedanken kommt. Ein Abendessen bei Kerzenlicht sei ja durchaus vorstellbar, hat er neulich aber zugegeben. Wenn, jetzt, nur mal zum Beispiel, eine Frau erobert werden müsse. Wie gesagt, Ergebnisfußball.

An Weihnachten gibt es bei uns Kerzen, da bin ich knallhart. Echte Kerzen auf einem echten Weihnachtsbaum, und zur Bescherung wird kein elektrisches Licht angemacht. Es vergehen dann immer drei, vier, fünf Minuten. Rituell. Bis meine Schwiegermutter sagt: Wir können die Geschenke ja gar nicht sehen. Habt ihr denn kein richtiges Licht?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!