Zeitung Heute : Warum kommen dieTürvorhänge zurück?

Pascale Hugues

Eine klebrige Erinnerung an die Hundstage in der Provence: Sobald man eine Metzgerei betritt, muss man den Kopf neigen, die Augen zukneifen und einen Vorhang aus schmalen bunten Plastikstreifen durchqueren, die über der geöffneten Tür befestigt sind. Für den Bruchteil einer Sekunde streicheln lange Kunststoffalgen einem das Gesicht.

Der Türvorhang hat eine doppelte Funktion: Er soll die lästigen dicken Fliegen fern halten, die vom Geruch blutigen Fleisches angezogen werden. Und er lässt Licht und Luft passieren, ohne dass man von draußen hereinschauen kann. Diese undurchsichtige Abschirmung trennt das Innen (den dunklen Laden) vom Außen (die lichtdurchflutete Straße), beim Friseur auch das Private (die mit Papilloten und Lockenwicklern besteckten Köpfe der Kundinnen) vom Öffentlichen (die neugierigen oder spöttischen Blicke der Männer auf dem Bürgersteig).

Bei geschlossener Tür werden Luft und Licht und die Verbindung zur Außenwelt blockiert. Der Türvorhang aber ist eine flexible Fuge. In der Industrie werden Türvorhänge aus breiten PVC-Streifen zwischen Kühlräumen und Montagehallen angebracht. Sie trennen die beiden Bereiche, ohne die Kühlkette zu unterbrechen, und ermöglichen die Passage der Wartungsfahrzeuge. Ein biegsamer Temperaturausgleich, wirksam, billig.

Ein altmodischer Gegenstand ist er, mediterran und lange Zeit als Kitsch betrachtet, und doch erwacht er immer wieder zu neuem Leben. Er schwimmt auf allen Modewellen mit. In den 70er Jahren waren die Vorhänge aus Holz oder Bambus in den Zimmern revoltierender Jugendlicher so unentbehrlich wie Räucherstäbchen und Patschuli. Im Schutz der hellen Holzperlen war man unter sich, man rauchte einen Joint und ließ sich von Pink Floyd einlullen. Dann gerieten sie in Vergessenheit, um nun auf den schicken Seiten von „Marie Claire Maison“ und in den angesagten Boutiquen von Mitte ein Revival zu erleben. Mit seinen großen Locken aus braunem und orangefarbenem Plastik, seinen Scheiben aus Rauchglas, seinen Schnüren aus weißer Seide, seinen Bändern und Perlen, seinen Lederriemen kann er ein Zimmer abteilen, eine sperrige Tür ersetzen, eine Nische oder eine Wand schmücken – ein bewährter, diskreter und durchlässiger Vermittler zwischen zwei Welten.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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