Zeitung Heute : Warum kommt zu den Engländern der Milchmann?

Verena Friederike Hasel

Die Angelsachsen pflegen eine spezielle Form der Flaschenpost: Vor ihrer Haustür, in leeren Flaschen, platzieren sie Nachrichten für den Milchmann: „Sind verreist, bitte keine Milch die nächsten drei Tage“ oder: „Morgen ein Pint mehr“. Glaubt man den milkman-housewife-jokes, die ein ganz eigenes Witzgenre in England bilden, hinterlassen libidinös unterversorgte Hausfrauen ihrem sexy milkman auch noch andere Botschaften – „Bring mir ein Baby“ beispielsweise.

In erster Linie liefern Milchmänner jedoch natürlich Milch. Anfangs, um 1880, kam das tägliche Pint noch mit einem Pferdewagen, später mit dem milk float, einer Art Lieferwagen. Heute, mit Supermärkten um die Ecke und einem Kühlschrank zu Hause, könnte der Milchmann längst abgewickelt sein. Doch immer noch nehmen fünf Millionen Briten seine Leistungen in Anspruch. Mit gutem Grund: Er ist der Garant dafür, dass das Horrorszenario eines jeden Briten nicht Realität wird – nämlich morgens bei der cup-of-tea-Zubereitung festzustellen, dass keine Milch mehr da ist. Deshalb ist der Milchmann für Edmund Proffitt von Dairy UK – dem Zusammenschluss der britischen Molkereibetriebe – auch Ausdruck der echten englischen Lebensart. Ferner sieht ein Milchmann in seinem Lieferbezirk stets nach dem Rechten, ähnlich wie ein Kontaktbereichsbeamter: Zwei Tage die Flaschen nicht reingeholt? Da erkundigt sich ein guter Milchmann schon mal, ob alles in Ordnung ist. Kevin Pierce – zum milkman of the year 2006 gewählt – hilft seinen älteren Kunden schon mal im Haushalt. Einem hat er sogar das Wohnzimmer gestrichen.

Neben ihrem Engagement für die guten alten Werte gehen die britischen Milchmänner mit der Zeit: So lautet ihre offizielle Arbeitsbezeichnung nicht mehr milkman, sondern, politisch korrekt, rounds person. Schließlich soll dieser Beruf auch Frauen offenstehen. Außerdem haben die Milchmänner ihr Warensortiment erweitert – um Brot etwa oder Abfallbeutel. Und Nachrichten an den Milchmann kommen heute nicht mehr in die Flasche: Auf der Internetseite http://www.findmeamilkman.net kann man online vermerken, dass man verreist ist. Sehr folgerichtig also der Slogan der Seite: Your milkman is only a mouseclick away. Der englische Milchmann ist im 21. Jahrhundert angekommen.

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