Zeitung Heute : Warum leben die Holländer ohne Gardinen?

Susanne Kippenberger

Ein Land ohne Berge, ohne Höhlen – ohne Vorhänge: „Nichts zu verbergen. Keine dunklen Flecken auf der Seele,“ erklärt Arthur, die holländische Hauptfigur in Cees Nootebooms Roman „Allerseelen“, einem Berliner sein calvinistisches Heimatland. „Bei Hitler konnte man nicht in die Wohnungen schauen. Das mögen wir nicht. Wir wollen wissen, ob Frau Hitler schon Staub gesaugt hat.“

Und dann befahl dieser Hitler den Niederländern auch noch, ihre Wohnungen zu verdunkeln; umso heftiger der Wunsch nach dem Ende der deutschen Besatzung Häuser mit riesigen Fenstern zu bauen – und diese dann nicht zu verhängen. Schon früh, so Kees Christaanse, Professor für Architektur, waren die Fenster in dem Land mit dem milden Klima groß, befanden sich doch im Erdgeschoss der kleinen Häuser Läden. Nach dem Krieg dann entwickelten die Niederlande sich zum architektonischen Musterländle der Moderne; das umfassende soziale Wohnungsbauprogramm propagierte Licht und Luft für jedermann, Transparenz auf kleinstem Raum, verschmolz Drinnen und Draußen. Regelrecht durchsichtig erscheinen die Reihenhäuser, in denen das Wohn- und Esszimmer ein durchgehender Raum von der Straßenfront bis zum Garten ist. „Dooer zonne woning“, „Durchsonnewohnung“ nennt man dieses Leben zwischen riesigen Fenstern, wie Kristin Feireiss, Leiterin der Berliner Architektur-Galerie Aedes erklärt; als Direktorin des Niederländischen Architekturinstituts in Rotterdam hat Feireiss selber in einem solchen sonnendurchfluteten Häuschen gewohnt. In ihrer Nachbarschaft wohnten viele alte Witwen, die Spiegel an ihren Fenstern hatten. Schließlich will ein anständiger Calvinist ja nicht nur demonstrieren, dass er ein gutes und gerechtes Leben führt – die anderen sollen es bitteschön auch tun.

Wer sucht, der kann auch, neben dem milden Wetter, eine freundlichere Erklärung für die gardinenlosen Fenster finden: Dann sind sie Symbol für die Offenheit der Gesellschaft, eine Einladung, hereinzukommen. Für die Historikerin Irene Cieraad ist die Tatsache, dass man sich nicht hinter Gardinen verstecken muss, die häusliche Sphäre der Frau nicht von der traditionell männlichen des öffentlichen Raums getrennt ist, Zeichen weiblicher Befreiung. Pikanterweise führte das zu einer weiteren nationalen Spezialität, die Touristen in Amsterdam gern bestaunen; dort sitzen die Nutten im Fenster.

Dabei ist es nicht so, dass es in niederländischen Wohnungen keine Vorhänge gäbe. Aber oft dienen sie allein der Dekoration. Nur während der Ölkrise wurde es zur patriotischen Pflicht, sie zu schließen. Die Ölkrise ging, die Doppelverglasung kam, und doch sind immer mehr gardinenverhängte Fenster zu sehen. Als Schutz vor Einbrechern oder weil dort Migranten wohnen.

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