Zeitung Heute : Warum leben die Mongolen in Jurten?

Jens Mühling

Aus der Sicht des Heimforschers ist die Mongolei ein zerrissenes Land. Auf der einen Seite: die Jurten. Wer schon mal in einer übernachtet hat, bewundert das mongolische Vermögen, auf kleinstem Raum und mit einfachsten Mitteln eine familiäre Behaglichkeit herzustellen, die so manchem europäischen Reihenhaus abgeht. Die Kehrseite der mongolischen Medaille: Ulan Bator – die hässlichste Hauptstadt der Welt. Für diesen Missgriff können allerdings die Mongolen nichts. Es war nicht ihre Idee. Jahrtausendelang haben sie in Jurten gelebt, nicht in Hauptstädten. Selbst Dschingis Khan gelüstete es nie nach einem Herrscherpalast, ihm reichte seine Chefjurte. Und nicht einmal die pittoresken Holzhäuser Russlands konnten die Mongolen bekehren, als sie einst das komplette Land besetzt hielten.

Das Unglück begann, als der weltumspannende Geist Europas die asiatische Steppe eroberte. Plötzlich hatten die Mongolen das Gefühl, den Anschluss zu verpassen – und ließen sich Ideen aufschwatzen, auf die sie von selbst nie gekommen wären. Nämlich, dass ein Staat eine Hauptstadt braucht, mit Opernhaus, Bibliothek und Regierungssitz. Dass all diese Institutionen in Häusern untergebracht werden wollen, und dass Häuser vier Wände, ein Dach und integrierte Toiletten brauchen.

Die eingeschüchterten Mongolen bauten eine Hauptstadt. Weil sie das noch nie gemacht hatten, ging einiges schief. Ulan Bator entstand in einer steppensandgepeitschten Windschneise. Die Straßen führten nirgendwohin, die Häuser passten nicht zusammen und verteilten sich planlos über ein undefiniertes Stadtgebiet. Irgendwann kamen dann auch noch die Sowjets und setzten willkürlich Plattenbauten zwischen den ganzen Kuddelmuddel – eine Art späte Rache für die mongolische Fremdherrschaft.

Ironie der Geschichte: Heute, wo der Geist Europas an sich selbst zweifelt, wird die Mongolei von zivilisationsmüden Touristen aus dem Westen überschwemmt. Mit quietschbunten Rucksäcken kommen sie in Ulan Bator an, um sich per Helikopter zur nächsten Jurte fliegen zu lassen. Beim Landemanöver stirbt leider das beste Pferd des Jurtenbesitzers, der den Gästen trotzdem tapfer einen Begrüßungsbecher mit vergorener Stutenmilch reicht. „Wow, this is really good!“, sagen die Touristen. Und sind insgeheim enttäuscht. Weil neben der Jurte ein Strommast steht – und drinnen ein Farbfernseher läuft.

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