Zeitung Heute : Warum leben Hongkong-Chinesen in Käfigen?

Lucas Vogelsang

Drei Männer sitzen an einem kleinen Tisch und spielen Karten. Über ihnen flimmert ein tonloses Fernsehbild, hinter den Fenstern ist es dunkel, obwohl draußen helllichter Tag herrscht. An beiden Seiten des kleinen Raumes sind in drei Reihen Metall-Käfige wie aus einem Hundezwinger übereinandergestapelt, in denen Schlafsäcke und Matratzen liegen, alte Lappen und Zeitungspapier.

Jeder der Männer lebt in einem dieser Käfige. Zwei Kubikmeter Lebensraum, die nicht einmal wirklich ihnen gehören. Für das Wohnen hinter Gittern zahlen sie immer noch Miete: 1000 Hong Kong Dollar, etwa 110 Euro monatlich. Dabei ist so ein Käfig sogar zu klein, um sich beim Schlafen ausstrecken zu können. Die Cage-People in Hongkong (mehr als 150 000 sollen es sein, die nicht mehr als einen Käfig oder einen Pappkarton haben) leben wie Aussätzige. Es sind nicht nur Obdachlose oder Tagelöhner – auch für Menschen, die einen Job haben, etwa als Hilfsarbeiter auf dem Bau, ist selbst die kleinste Wohnung in der Stadt unbezahlbar. Denn Hongkong ist, was Immobilienpreise angeht, die drittteuerste Stadt der Welt. Eine Ein-Zimmer-Wohnung kostet ab 1500 Euro. Selbst mit einem Monatseinkommen von 700 Euro können sich viele nur Behausungen wie die „Cage-Homes“ leisten. Mit 200 anderen Menschen leben sie dann auf 150 Quadratmetern. Übereinander, nebeneinander. „Es gibt auch Hotels, in denen unter diesen Bedingungen gelebt wird“, sagt Tilman Wörtz, China-Korrespondent der Reportage-Agentur Zeitenspiegel.

Neben der wachsenden Zahl von Vielverdienern, die die Mietpreise mit sich nach oben ziehen, ist die Überbevölkerung Grund dafür, das Menschen in der ehemaligen britschen Kolonie wie ausgesetzte Tiere leben. Hongkong ist jenseits der gläsernen Skyline und der Luxus-Immobilien ein übervölkerter Moloch. Mongkok, ein Stadtteil der Sechs-Millionen-Stadt, besitzt mit 165 000 Einwohnern pro Quadratkilometer die höchste Einwohnerdichte der Welt.

Seit Jahrzehnten ziehen die Menschen aus den ländlichen Provinzen Chinas auf der Suche nach Arbeit in Großstädte wie Hongkong. Kaum einer geht den umgekehrten Weg. Der Platz wird knapp. Dabei gibt es in der Stadt, für deren Architektur der Himmel schon lange keine Grenze mehr darzustellen scheint, durchaus Wohnungen. In den Wolkenkratzern herrscht Leerstand.

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