Zeitung Heute : Warum leben Spreewälder in Holzhäusern?

Dagny Lüdemann

Urgemütlich, warm und holzig – so wohnen die Menschen im Spreewald seit Jahrhunderten, und zwar mit gutem Grund: Die traditionell aus Erlenbohlen gebauten Häuser haben eine Seele, ist Zimmermannsmeister Falk Hitzer, 43, überzeugt. Er selbst hat sich ein 150 Jahre altes Haus in Burg restauriert, genau wie knapp 25 weitere historische Bohlenblockhäuser im Spreewald. Doch wie konnten die Holzbauten, die nur teilweise mit Kienteer bestrichen waren, in der Sumpflandschaft überdauern?

„Die Menschen schauten sich einen Trick von den heimischen Schlangen ab“, erklärt Hitzer. Die Reptilien legten ihre Eier auf Anhöhen ab, auf denen es auch bei Hochwasser trocken blieb. Dort errichteten die Spreewälder ihre Häuser. Die Böden wurden von wenigen Feldsteinen getragen. So entstand ein Luftkissen, das das Haus trocken hielt und den Schlangen ihre Brutstätten ließ. „Eine echte Symbiose“, sagt Hitzer. Er ist überzeugt, dass die Schlangen ihre Eier gerne im Schutz der Häuser ablegten, und die Bewohner froh waren, dass die Schlangen die Mäuse fraßen.

Vor allem in den vergangenen 15 Jahren wurden viele Spreewaldhäuser abgerissen, da eine Restaurierung manchmal so teuer wird wie ein Neubau. Wenige der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Inzwischen steigt das Interesse an der ökologisch verträglichen Bauweise aber wieder. Etwa 20 Holzneubauten hat Hitzer schon gezimmert. „Spreewaldhäuser sind sparsamer als Niedrigenergiehäuser“, sagt er. „Im Sommer ist es kühl, im Winter warm; und durch die mit Lehm verfugten Bohlen atmen die Wände.“ Naturstoffplatten dienen als Dämmstoff, geheizt wird mit Öfen oder Gas. Auf einen Balkon müssen die Bewohner aber verzichten. „Das passt nicht zur Architektur dieser Häuser, die traditionell feingliedrige Fenster und einen rechteckigen Grundriss haben“, sagt Hitzer. Um Licht zu gewinnen, könne man aber eine Fensterfront in Form eines Scheunentors einbauen – bei Neubauten. Diese sehen auch deshalb etwas anders aus, weil das wurmanfällige Erlenholz für tragende Bauteile nicht mehr verwendet werden darf. Die Bohlen werden heutzutage nicht mit Teer, sondern mit Farbe und Holzschutzmitteln aus Naturölen angestrichen, Stützbalken werden aus Kiefer und Fichte gefertigt und die Dächer mit Ziegeln oder Schilf gedeckt.

Doch eines hat sich bis heute nicht geändert, meint der Zimmermann: „Wer ein Spreewaldhaus betritt, fühlt sich wohl. Automatisch.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!