Zeitung Heute : Warum materialisiere ich mich hier?

REIMZEIT Julius Fischer präsentiert „Die schönsten Wanderwege der Wanderhure“.

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Seit ich mich kenne, habe ich etwas gegen Menschen. Dummerweise bin ich auch einer, zumindest bis mir jemand das Gegenteil beweist. Natürlich habe ich mich schon oft bei der Überlegung erwischt, warum es so viele Planeten gibt und ich mich ausgerechnet hier materialisiere, wie die anderen Affen. Warum bin ich nicht als Quecksilberamöbe auf dem Planeten Fäps geboren worden? Ich verstehe das nicht.

(...)

Als vor beinahe zweihundert Jahren die erste Fotografie der Welt gemacht wurde, das Abbild einer Gasse in Frankreich, Belichtungszeit acht Stunden, hat sich da der Fotograf Gedanken darüber gemacht, was seine Erfindung irgendwann einmal anrichten würde? Dass beispielsweise Leute heute drei Stunden für ein Konzert anstehen, um dann das gesamte Konzert über mit ihren bekackten Handys mitzufilmen, und danach trotzdem noch behaupten, dabei gewesen zu sein?

Das Konzept von Anstehen ist mir sowieso fremd. Warum kommen die Leute nicht einfach später? Wenn alle später kämen, dann müssten die Ersten nicht so lange warten.

Eine andere Frage, die mich brennend beschäftigt: Warum kann eine Produktwerbung, meinetwegen für Waschmittel, behaupten, das Waschmittel sei das geilste aller Zeiten und reinige das Sofa sogar von Quecksilberamöbenschleim aus dem Weltall und mehr – und keiner sagt was? Aber wenn ich behaupte, ich sei wie alle anderen, nur besser, dann gelte ich als arrogant.

Und wo bekomme ich eigentlich herkömmliches Waschmittel her? In der Werbung heißt es ja immer, Persil oder Ariel seien besser als herkömmliches Waschmittel. Das grenzt ja schon an Mobbing und bedeutet letztendlich, dass am herkömmlichen Waschmittel was dran sein muss. Wenn man es etwas überspitzt darstellt, dann muss doch das herkömmliche Waschmittel das beste Waschmittel der Welt sein. Sonst würden es ja nicht alle vergleichend heranziehen.

So vieles ist mir schleierhaft. Wieso reden denn die Leute nicht mehr ehrlich miteinander? Wenn ich mich mit jemandem unterhalte und der Person hängen die Reste vom Frühstück im Gesicht oder ein Popel oder ein absonderlich langes Ohrhaar, dann werde ich doch darauf hinweisen, selbst wenn ich die Person nicht kenne. Weil viel schlimmer als der kurze Schreck, dass ich es bemerkt habe, wäre doch der Moment am Abend, wenn man sich im Spiegel beobachtet und merkt, dass einem den ganzen Tag ein Stück Bratwurst von der Größe Thüringens an der Backe geklebt hat.

BKA-Theater,

9.2., 20 Uhr

Zwar bedauert Julius Fischer, dass seine Heimatstadt Leipzig in Sachen Poetry-Slam mit Berlin oder Hamburg nicht mithalten könne, aber wenn man sieht, was er und seine Freunde in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben, muss einem um den sächsischen Bühnendichternachwuchs nicht bange sein. Mit schnell, präzise und pointiert vorgetragenen Texten bereichert er regel- mäßig die Lesebühnen „Schkeuditzer Kreuz“ (Leipzig), „Sax Royal“ (Dresden) und „Lesedüne“ (Berlin). Außerdem kann er Musik. Als die eine Hälfte des Duos „Team Totale Zerstörung“ greift er gelegentlich zur Gitarre, um eine Art Kunstrap zu produzieren. Zerstörungspartner André Herrmann steht ihm auch zur Seite, wenn Fischer seine zweite Buchveröffentlichung „Die schönsten Wander- wege der Wanderhure“ vorstellt. Das mit einer CD aufgemöbelte Werk (Verlag Voland & Quist) versammelt vor allem fürs Sprechwerkzeug gebastelte Texte. Der Titel ist laut Autor „einfach knorke“. Vielleicht aber steht er für die – nebenstehend beispielhaft vorgestellte – Skepsis an der Spezies Mensch. Wem das alles zu literarisch ist, dem kommt Julius juvenil: Am 28.2. und 1.3. im BKA zeigen er und Christian Meyer als „The Fuck Hornisschen Orchestra“ die pure Freude an kinder- geburtstagstauglicher Comedy-Musik. eNTe

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