Zeitung Heute : Warum muss die Matthäuskirche sterben?

Urban Media GmbH

Von Jürgen Schreiber

Am siebten Sonntag vor Ostern, Estomihi, dem letzten Sonntag vor der Passionszeit, beginnt der Gottesdienst in Frankfurts Matthäuskirche mit dem Lied „Begrüßt den Morgen, Brüder, lobsinge, Herz, auch du“. Intoniert nach der vertrauten Melodie „Wie lieblich ist der Maien“. Dankenswerterweise begleitet Organistin Freia Blum den Choral statt in Es-Dur tiefer in D-Dur, damit er leichter zu singen ist.

Die Musik braust feierlich und mächtig durch das Schiff. Wandhohe, von dem Künstler Georg Meistermann geschaffene Fenster in glühenden Farben tauchen den Raum in warmes Licht. Kurz nach halb zehn sind Britta Müller, 77, und Erika Knauer, 67, vom Gemeindevorstand mit dem Schlüsselbund gekommen und haben die Tore geöffnet. Die Damen schmückten den Altar mit Primeln, man hörte Flüstern, die Sumpfpflanzen brauchten sofort Wasser. Sie steckten Nummerntäfelchen für die Lieder in Holzrahmen, entzündeten Kerzen. Frau Knauer bat um Nachsicht für die Hektik: „Unser Küster ist in Ferien.“

Schlag zehn vor zehn legte sie im Sicherungskasten den Hebel für das Glockenspiel um. Das Läuten schallte weithin über das südliche Westend, ins Gallus- und ins Bankenviertel. Sonntagmorgens ist der Geldbezirk doppelt so tot wie der Friedhof von Chicago. Beim Gottesdienst verlieren sich die Stimmchen von 32 Gläubigen im Raum, zwei Konfirmanden bei der Zählung eingerechnet. Am Ende liegen 92 Euro 47 und 17 D-Mark im Kollekte-Körbchen, was Vorstandsmitglied Knauer in der Meinung bestärkt, ihre Schäfchen seien großzügig. Aber nicht mehr lange.

Auf Teufel komm raus will der Evangelische Regionalverband, ERV, das Gotteshaus verscherbeln. Nach Wissen von Pfarrer Thomas Hessel ist es weit und breit das erste Mal, dass ein Sakralbau für die schnelle Mark verkauft und „ plattgemacht“ werden soll. Esther Gebhardt, die Chefin der Dachorganisation, verkündete der Gemeindespitze das Todesurteil am 16. Januar unter Tagesordnungspunkt 1. Dekan Reichel-Odié saß mit am Tisch. Von ihm heißt es seitdem, der sage zu allem Ja und Amen. Die auf ein Infoblatt gedruckte Frage „Matthäi am Letzten? Matthäus Adieu?“ scheint beantwortet, seitdem die Lokalpresse meldete, das Grundstück wechsle für 35 Millionen Euro den Besitzer. Ein Betrag, von dem ERV-Sprecher Ralf Breuer, früher Vikar von Matthäus, nichts wissen will. „Bisher gibt es keine Summe, sondern Gerüchte.“

Frankfurt ist die kapitalistischste deutsche Stadt. Für den Titel „ Finanzmetropole“ duckt sich das Gemeinwesen schon rein optisch unter bis zu 258,7 Meter hohe Bankpaläste. Die Bauklötze lassen die gotischen Kreuzblumen des Doms (92 Meter 27) längst weit unter sich. Neu ist, dass es in „ Mainhattan“ nun selbst der Kirche frommt, in der Manier der berüchtigten Frankfurter Spekulanten zu agieren. Sinnigerweise soll mit Matthäus jene Adresse geopfert werden, die in den 70er Jahren beim Kampf gegen Mietervertreibung und Stadtzerstörung wichtige Anlaufstelle war. 16000 Anlieger mussten neuen Büros weichen. Der damalige Pfarrer Zeiss agierte an vorderster Front für die Rettung des Wohnens. Joschka Fischer demonstrierte handfest mit. Es galt die Parole: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Pastor Hessel erwähnt auch die streitbare Odina Bott von der „Aktionsgemeinschaft Westend“; vor nicht allzu langer Zeit habe er sie beerdigt.

Oberhirten im Geldrausch

Der Seelsorger wirkt gestresst und überrollt von Ereignissen, die außerhalb seiner Vorstellung lagen. Nie hätte er geglaubt, dass seine Oberhirten im Geldrausch schwelgen könnten. Für das Areal kursierten schon Verkaufssummen von über 100 Millionen Mark. Was sind das bloß für Zeiten, wo die Kirche beim großen Monopoly mitzockt und auf das 1905 errichtete, im Krieg zerstörte und in heutiger Gestalt 1955 eingeweihte Haus setzt? Hessel lächelt gequält. Die Traurigkeit rührt auch daher, dass ihm Begründungen dafür abverlangt werden, warum die Gemeinde am angestammten Platz weiter existieren möchte.

Als wäre das nicht klar. Betreut er im Sprengel nicht zwei Altenheime, eine Seniorenwohnanlage und den Seniorenclub mit 200 Menschen? Bietet die expressiv-moderne Kirche an der Friedrich-Ebert-Anlage nicht äthiopischen, philippinischen und rumänischen Christen ebenfalls eine Bleibe? Keine fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, ist Matthäus eine feste Burg inmitten sozialer Brennpunkte. Man hilft Junkies, Obdachlosen, bemüht sich um Integration, man macht mit bei der Speisung von Wohnsitzlosen, der christlichen Aidshilfe undundund. Der Pfarrer beackert ein steiniges Feld, die Geldbörse trägt er zur Sicherheit an einer dicken Kette.

Ringsum bedienen sich Investoren für ihre Orgien in Glas und Beton mythisch besetzter Namen wie „Castor“, „Pollux“, „Galileo“. Büros heißen „Office“, Türme „Tower“, Plätze „Plazas“, Abriss „Rückbau“ und simple Klötze „Urban Entertainment Center“. Lächerlich geschwollene Begriffe prägen den „central business district“; Firmenschilder verkünden „Refreshing communication“, (was immer das ist), „Asset Management“, „Capital Management“. Im langen Schatten der Riesen steht auf einem Transparent der bescheidene Hinweis „Ev. Matthäuskirche“, handgeschriebene Zettel laden zum „Vorbereitungstreffen Weltgebetstag“. Ein Vortrag „City global – Entgrenzte Stadt“ wird angekündigt.

Der Pfarrer gesteht: Ja, es ist richtig, zur Andacht kämen 30 Leute im Schnitt. „Wir wollen nicht flunkern.“ Etwas wenig bei 600 Sitzplätzen und zugegeben auch kein Vergleich mit der Einweihungsfeier. 1150 Besucher sangen „Kommet zuhauf“, der Propst nannte zahlreichen Besuch den „schönsten Schmuck“ der Gemeinde. Der Verband räumt jedoch ein, andernorts seien die Zahlen nicht viel besser. Frankfurt zählte früher 400000, heute 160000 Protestanten. Hessels mit 13000 Mitgliedern bei der Gründung größte Kirche schrumpfte auf 2200. Er predigt im Jahr bei 15 Taufen – und 50 Begräbnissen. Dieser Niedergang hat auch mit dem Hochhaus-Boom zu tun, der die Westend-Entleerung forcierte.

So kam die Kirche beim ERV auf eine umstrittene Streichliste „abzugebender Gebäude“. Schiff, Turm, Kindergarten, Hort und Wohnungen sollen fallen. Holländische Gesellschaften interessierten sich für das Gelände, berichtet Hessel. „Von den Verhandlungen sind wir ausgeschlossen. Vom Geld sehen wir auch nichts.“ Wilfried Wang, Ex-Chef des Architekturmuseums, konstatiert ein Gefühl des Unheils, „weil die Aussegnung einer Kirche nicht in unser Zivilisationsbild passt“. Gläubige prophezeien hoch schlagende Emotionen, wenn die Abrissbirne das im 50er-Jahre-Stil schön erhaltene Gebä ude zerschlägt: Altar aus rotem Lahnmarmor, Jesus-Relief und „Panikbeleuchtung“, alles original.

Noch gleicht der ockerfarbene, teilweise frisch renovierte Bau zwischen Bahnhof und Messe einer Oase. Goldkreuz und Kupferkappe funkeln am Rand des Rotlichtbezirks, ein Leuchtfeuer in Problemzonen mit 50- prozentigem Ausländeranteil. Nebenan vergilben am Polizeipräsidium Fahndungs-Aufrufe: 10000 Mark Belohnung für Hinweise auf eine bei Flusskilometer 27,5 aus dem Main gezogene Frauenleiche, mit Sonnenschirmständer beschwert im Wasser versenkt. Posträuber werden gejagt und Fotos der „12 meistgesuchten Kunstwerke Deutschlands“ gezeigt, etwa Marc Chagalls „Das Kind auf der Ziege“. Vorstandsfrau Knauer erläutert: „Die Matthäuskirche wird da gebraucht, wo sie ist, ein bisschen Menschlichkeit an der Stelle!“ Im Alarmierenden eine Insel der Stille, sehr heutig und mitten im Leben.

Es muss viel passieren, bis sich ein kreuzbraver Diener seines Herrn wie Thomas Hessel mit der eigenen Kirche anlegt. Nun ist’s genug. „Wir wollen keinen Streit mit dem Verband, aber wir können fast nichts mehr verlieren, wenn wir kämpfen!“, erklä rt der Seelsorger. Schlechtes Gewissen schwingt da mit. Die Gemeinde hat die Existenzfrage schlicht verpennt, ihr Krisenmanagement war katastrophal. „Alle warten auf den Messias“, schimpft eine erzürnte Streiterin, die von internen Zwisten erzählt. Die Aktion „Rettet die Matthäuskirche!“ machte jetzt erst mobil und sammelte 500 Unterschriften. Noch 1998 suchte die Gemeinde an der Seite des Verbandes im Rathaus sogar um eine Bebauungsplan-Änderung nach. Kirche weg, Hochhaus hin, so wollten sie sich den Boden vergolden lassen. Deshalb ist der Verband heute überrascht von dem massiven Widerstand.

Der damalige Planungsdezernet Martin Wentz erinnert sich gut an die denkwürdige Bittprozession. Der Verband habe sich eines „Projektentwicklers“ bedient. Die Truppe habe „mächtig gepokert und Druck auf die Stadt gemacht“. Einer seiner Mitarbeiter ergänzt, das Baurecht für den Kirchen-Standort sollte „so hoch wie möglich ausfallen“. Im Amt witzelte man: „Die wollen Gott, ihrem Vorstandsvorsitzenden, möglichst nahe sein!“ Noch eifriger versuchten die Strategen abzukassieren: je mehr Stockwerke, desto teuerer der Grund, in der Ecke bis zu 30000 Mark pro Quadratmeter wert. Wentz entschied: „Die Stadt vergreift sich nicht am Sakralbau!“

Auf einem 1:2000-Modell im Rathaus ist zu erkennen, warum die Protestanten in den Höhenrausch verfielen. Links und rechts von Matthäus stehen zwei neu genehmigte Wolkenkratzer: Der eine 145, der andere 185 Meter hoch, sie nehmen die 65 Meter kleine Kirche in die Zange. Unweit davon ist der „Millennium-Tower“ mit 365 Metern vorgesehen. Vielleicht will sich der potenzielle Käufer auch nur seine Rechte teuer abkaufen lassen und auf jeden Einspruch gegen die Nachbarn verzichten. Eine Zukunftsinvestition in die künftige „1a Lage“, nach Wentz’ Worten „ attraktiv wie City und Bankenviertel“. Das kleinteilige Quartier ist dann freilich futsch.

So sieht es jetzt auch die aufgeschreckte Gemeinde. Der Regionalverband ersucht die bockigen Matthäus-Jünger inzwischen dringend, von einer „Pressekampagne abzusehen“. Das Medienecho auf den von der Vorsitzenden Gebhardt forcierten Abriss-Plan ist vernichtend. Zumal für eine Institution, die sich den Schwächeren verpflichtet fühlt und nun demonstriert, dass ihr für Geld selbst keine Kirche heilig ist. Wie will man fortan predigen, „dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöset seid“, wie es in der Bibel steht? Den Oberen geht offensichtlich jedes Gespür für den Tabubruch ab, die Frivolität, eigenes Wertsystem und Vorbildfunktion dem Evangelium des Materialismus zu opfern. Die Theologin Gebhardt (sie ist krank und kann nicht befragt werden) habe zu viel „Dallas“ geguckt, wird vor Ort gestichelt. Die „Frankfurter Rundschau“ fragt gallig, was die Kirche mit so einem Batzen Geld machen werde: „Legt sie etwa neue Programme wider Armut und Obdachlosigkeit auf?“

Natürlich nicht. Die Millionen sollen in einen Topf zur Erhaltung anderer Immobilien wandern. Die Gemeinde wünscht inständig, die Kritik am Grundstücksschacher und die, wie es heißt, „Sünde“ des Abbruchs, werde die Führung zu Einsicht bringen. Der Pfarrer hört draußen: „Dass die Kirche nur nach Geld schielt, kommt nicht gut an.“ In der Stunde der Not pocht Hessel darauf: „Sich zu äußern, das ist unser Bürgerrecht.“ Der Anwalt der Gemeinde habe Widerspruch gegen den Plan eingelegt. Immer noch etwas blauäugig, erhofft sich der Pfarrer davon „aufschiebende Wirkung“. Wahrscheinlicher ist, dass man ihm die mit den vier Evangelisten geschmückte Kanzel unter den Füßen wegbricht. 2002 fällt die Kirche, melden Medien. ERV-Sprecher Breuer mag nur sagen, die Bagger kämen nicht vor dem Sommer, alles hänge von Gesprächen mit Investoren ab.

Die Profitgeier kreisen

Sich an der Kirche zu vergreifen heißt nicht nur, das Kapital der Glaubwürdigkeit zu verspielen. Sondern am Main fiele ein beliebtes Foto-Motiv. Kaum ein Magazin, das nicht schon das Matthäus-Kreuz vor der Kulisse immer neuer Wolkenkratzer zeigte. Im örtlichen Größenwahn und alles beherrschenden Finanzgetriebe gemahnt das christliche Symbol an einen menschlichen Maßstab. Passenderweise steht beim Evangelisten Matthäus geschrieben, Kapitel 6, Vers 24: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ Auf den Panoramabildern behauptet sich der herbe Charme der Kirche so tapfer wie einsam gegenüber der gewaltigen Skyline. David gegen Goliath. Das Bild bedeutet: Es gibt nicht nur den Tanz ums goldene Kalb.

Die Vorsitzende Gebhardt entgegnet Kritikern gern mit dem Luther-Zitat, wenn in einer Kirche nicht mehr kräftig Gebete und Danksagungen gen Himmel gingen, „soll man dieselben abbrechen...“ In der Stadt mit der größten Hochhausdichte Europas dokumentiert die lukrative Form der Selbstabwicklung jedenfalls eine tiefe Sinnkrise: Die Kirche spekuliert mit sich und macht einem weiteren Geldtempel Platz.

Während die Profitgeier über der Kirche kreisen, erzählt Vorstandsmitglied Erika Knauer, wie das Bauwerk nach dem Krieg aus den Trümmern auferstanden ist, ein Stück Heimat, mit der sie aufwuchs. Ihre Mutter, „Emilie Süßmann, geborene Rapp“, sei einer der ersten Täuflinge gewesen. Ihr Onkel Christian erhielt dort ebenfalls seinen Namen. Beide hätten in Matthäus geheiratet. Sie selbst sang die Altstimme im Chor, bis der 1990 mangels Sängern verstummte. Mit ungebrochenem Gottvertrauen beteuert sie: „Die Kärsch, die kommt net weg!“

Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Geschichte des Turmbaus zu Frankfurt lässt wenig Raum für Illusionen. Der Architekturkritiker Dieter Bartezko meint sarkastisch, mit dem Abriss der Kirche werde wieder eimal Pionierarbeit geleistet. Denn bei der Eroberung des Luftraums ging die Stadt stets mit schlechtem Beispiel voran, setzte sich locker über ihre Statuten hinweg, ließ Kolosse in die geschützten Wallanlagen betonieren, machte verbotene Koppelgeschäfte mit Spekulanten. Wenn’s klemmte, fand sich, wie im Fall von Matthäus, stets ein Experte, der das dem Höheren im Wege Stehende für nicht schützenswert erklärte. Von der Kirche bliebe nur noch „ bewegliches Kulturgut“ wie etwa die Glasfenster übrig.

Ob Segen auf dem Ausverkauf ruht? „Die Menschen sind einsam, weil sie Wände bauen statt Brücken!“ Aus der Rubrik „Goldene Worte der Plakatmission“ – nachzulesen in der Matthäuskirche.

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