Zeitung Heute : Warum Ötzi so klein war Archäologen der Freien Universität untersuchen, wie sich die Körpergröße

von Menschen innerhalb der frühgeschichtlichen Epoche verändert hat.

David Bedürftig
Durch die Rekonstruktion des Ötzi sind Rückschlüsse auf die Lebensweise von prähistorischen Menschen möglich.
Durch die Rekonstruktion des Ötzi sind Rückschlüsse auf die Lebensweise von prähistorischen Menschen möglich.

Gerade einmal knapp 160 Zentimeter soll Ötzi gemessen haben, dessen 5300 Jahre alte Mumie 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt wurde. Alexander der Große, der antike König von Makedonien, kam auf nur anderthalb Meter. Heute sind Männer in Deutschland durchschnittlich 1,80 Meter groß, Frauen ungefähr 1,70 Meter.

Fortschreitende Technik, so heißt es, brachte vermehrten Wohlstand, was wiederum die Körper in die Höhe wachsen ließ. Ein Team um die promovierte Archäologin Eva Rosenstock nutzt diese Erkenntnis, indem es Daten zu Körperhöhen vergleicht – anstelle anderer Wohlstandsindikatoren, etwa des Bruttosozialprodukts. Dabei untersuchen die Wissenschaftler das Größenwachstum von Menschen der Prähistorie – der ältesten Periode der Menschheitsgeschichte.

Eva Rosenstock führt eine steigende menschliche Durchschnittsgröße auf den Grad der Eiweißversorgung zurück: „Proteine kommen dem Aufbau von Körperstrukturen am stärksten zugute.“ Seit der Industrialisierung werde die menschliche Körpergröße systematisch gemessen; die Ursache für den stetigen Anstieg der Größe im 19. und 20. Jahrhundert in der westlichen Welt sei wahrscheinlich die verbesserte Versorgung mit Eiweiß. „Nun wollen wir die vorhandenen archäologischen Daten zu Ernährung, Wirtschaftsweise und Lebensbedingungen in der Prähistorie anhand der Entwicklung der Körperhöhe prüfen“, sagt die Archäologin. Das Projekt wird als Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für zunächst vier Jahre mit rund einer Million Euro gefördert. Gemeinsam mit zwei Doktorandinnen, einem Statistiker und zwei Studenten erforscht die Projektleiterin seit September 2011 am Institut für Prähistorische Archäologie in Berlin-Dahlem die Lebensbedingungen und den biologischen Lebensstandard der frühgeschichtlichen Menschen in Südwestasien und Europa.

„Die Körperhöhe als Wohlstandsindikator nutzte erstmals John Komlos in den 1980er Jahren für seine Arbeiten zur Wirtschaftsgeschichte der frühen Neuzeit“, sagt Rosenstock. Indem sie Komlos’ Ansatz in der Archäologie anwendet, erhofft sie sich Aufschluss über die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Prähistorie. „Die Körperhöhe von vorgeschichtlichen Menschen rekonstruieren wir, indem wir Skelette betrachten, und hier insbesondere die Maße von Langknochen wie Oberschenkelknochen“, erläutert Eva Rosenstock. Ihre Forschungsgruppe nutzt dafür zunächst eine Datenbank aus den 1970er Jahren, die Zugang zu Daten von etwa 5000 Individuen bietet. Ziel ist es aber, Daten von 30 000 Individuen zu analysieren: Schließlich plant das Team um Rosenstock, die Lebensbedingungen einer langen Zeitspanne zu rekonstruieren – von 40 000 v. Chr. bis zum Ende der Bronzezeit, etwa 1000 vor unserer Zeitrechnung. Es gibt also noch viel zu tun.

Das trifft auch auf die beiden Doktorandinnen zu, deren Promotionsarbeiten wichtige Bestandteile des Projekts bilden. „Mit verschiedenen Methoden prüfe ich, ob ein Zusammenhang besteht zwischen dem Gehalt an Stickstoff in Zähnen und Knochen einerseits – was ein indirekter Hinweis auf Eiweiß ist – und den Langknochenmaßen von erwachsenen Individuen andererseits“, erklärt Alisa Hujic. „Wegen der unterschiedlichen Auf- und Umbauraten spiegeln die Zähne die Ernährung der Kindheit, die Knochen hingegen die der letzten Jahre oder Jahrzehnte vor dem Tod.“ Passend dazu liefert ihre Kollegin Alisa Scheibner durch intensive Literaturrecherche Daten über das Essverhalten und die Ernährungsmöglichkeiten in der Prähistorie: „Ich will verbreitete Irrtümer aufklären, etwa die Annahme, Steinzeitmenschen hätten ausschließlich gejagt und Fleisch gegessen.“

Erste Ergebnisse stimmen Eva Rosenstock zuversichtlich: „Kaum wurde der Mensch im Neolithikum sesshaft, ist seine Körperhöhe anscheinend geringer geworden.“ Als Feldbauer habe er hauptsächlich Getreide und somit wenig Eiweiß verzehrt. Die Domestizierung von Tieren und der Anbau von Hülsenfrüchten habe die Versorgung mit Eiweiß verbessert, und die Körperhöhe sei gestiegen. „Während der Ausbreitung des Neolithikums wurden die Menschen aber wieder kleiner“, schildert die Archäologin die Befunde, „denn vielleicht bedeutete ein Bevölkerungsanstieg weniger Nahrung für eine große Zahl von Kindern.“ In der Bronzezeit betrieben die Menschen bereits Ackerbau mithilfe von Pflug und Rind – der Körperwuchs wurde wieder größer. Diese letzte Phase zeige auch, dass in der Evaluation verschiedene Faktoren neben der Ernährung beachtet werden müssten, sagt Rosenstock: „Die Körperhöhe ist das Resultat der Nettoernährung.“ Körperliche Aktivität, das Klima oder Krankheiten entzögen dem Körper Energie, die er nicht für das Wachstum nutzen könne.

Naturgemäß kann ein Mensch selbst bei optimaler Nettoernährung nur die genetisch festgelegte Maximalgröße erreichen, und erwiesenermaßen spiegelt die an Skeletten gemessene Körperhöhe lediglich die Ernährung im Kindes- und Jugendalter wider, weil danach das Wachstum endet. Dennoch eröffnet Eva Rosenstocks Studie mit dem biologischen Lebensstandard einen Zugang zum einzigen global vergleichbaren Wohlstandsindikator für die Vor- und Frühgeschichte. Dieser könnte auch auf die Gegenwart angewendet werden: Studien haben gezeigt, dass Kinder aus sozial schwachen Familien in der Regel kleiner sind.

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