• Warum Reisen?: "Die beste Bildung findet ein Mensch auf Reisen" - Ansichten und Meinungen rund um den Trip in die Fremde

Zeitung Heute : Warum Reisen?: "Die beste Bildung findet ein Mensch auf Reisen" - Ansichten und Meinungen rund um den Trip in die Fremde

Brigitte Jonas

In Sachen Reisen und Verreisen gelten die Deutschen gemeinhin als Weltmeister. Ob mit dem eigenen Auto, mit Flugzeug, Schiff, Bus und Bahn, ob "Last Minute" oder "All inclusive", Individualreise oder Cluburlaub: Jeder reist nach seinem Gusto. Wenn es sich dabei auch heute fast um eine Art "Volkssport" handelt, dem man - sofern es die Finanzen zulassen - geradezu selbstverständlich frönt, so ist doch eine Reise stets ein ergiebiges Gesprächsthema. Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Feststellung von Matthias Claudius "Wenn einer Reise tut, so kann er was verzählen" hat jedenfalls nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Auch an allgemeinen Äußerungen zum Thema Reise hat es offenbar nie gefehlt, wenngleich die Meinungen über Sinn und Zweck des Verreisens durchaus der Wandlung unterworfen sind. Im 15. und 16. Jahrhundert hielt man Reisende vielfach noch für wankelmütige, nicht unbedingt gottesfürchtige Gesellen. So schrieb beispielsweise Sebastian Brant anno 1494 in seinem "Narrenschiff": " ... wem sein sinn zu wandeln (reisen) stot (steht), / Der mag nit genzlich dienen got (Gott)."

Dass Reisen bildet, wissen viele namhafte Persönlichkeiten zu berichten. Während Jean Paul im Jahre 1798 ganz überschwänglich resümierte: "Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist", stellte Ludwig Tieck um die Wende zum 19. Jahrhundert fest: "Über Reisen kein Vergnügen!" Goethe, ein überaus reiselustiger Mensch, notierte etwa um die gleiche Zeit in seinem Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre": "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen."

An Tipps für Sicherheitsvorkehrungen fehlt es auch nicht. So wurde anno 1643 empfohlen: "Wer reysen will, / Der schweig fein still, / Geh steten Schritt(s), / Ne(h)m nicht viel mit. / So darff er nicht viel sorgen. / Wer nichts hat, mag doch borgen." In Goethes Faust hieß es später eher bescheiden: "Ein Reisender ist so gewohnt, / Aus Gütigkeit fürlieb zu nehmen."

Für den Tag der Abreise galten ganz besondere Regeln. Nach Möglichkeit trat man keine Reise an einem Freitag an, zumal dieser Wochentag gemeinhin als Unglückstag für Veränderungen aller Art galt. Begab man sich auf eine Reise, die eine längere Abwesenheit von zu Hause erforderte, leerte man einen Becher Wein auf seinen persönlichen Schutzpatron oder auf einen der zahlreichen Patrone der Reisenden wie St. Christophorus oder St. Gertraud. Abergläubische verließen mit einem Glück bringenden Amulett ausgestattet, rückwärts gehend das Haus.

Um unterwegs vor Unglück geschützt zu sein, streute man sich etwas Salz in die Schuhe oder auf ein Stück Brot, das man in seiner Tasche als Notration mitnahm. Darüber hinaus galt auch ein von zu Hause mitgenommener Kamm als Unheil abwehrendes Mittel.

In einer Handschrift aus dem 16./17. Jahrhundert wurde "das sicherste Mittel, allen Fährnissen der Reise zu entgehen" beschrieben. Ihm zufolge soll man unterwegs auf einer Wegscheide an der linken Schuhsohle und an den Zehen mit Kreide Zeichen machen und sprechen: "Ich gebeutte (gebiete) dir, das du mir underthenig seyest, und mich fuerest (führest) ohne schaden meines Leibes, das ich in der Zeit do und do sein möge. Nun hebe mich auff über alle Stock und Stauden und Felsen."

Reisende genossen mitunter gewisse Privilegien. So war es ihnen hier und da gestattet, sich ungestraft vom Felde und aus den Gärten zu bedienen. Nach der Lex Burgundis hatten die Gesandten fremder Völker sogar das Recht, zu ihrer Verköstigung unterwegs von den Bauern ein Schwein zu fordern.

Angeblich verlässliche Wetterprognosen sind schon sprichwörtlich: So soll es regnen, wenn Pfaffen reisen. Wenn jedoch "Engel" reisen, dann lacht der Himmel.

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