Zeitung Heute : Warum riechen die Häuser im Osten noch nach DDR?

Anne Jelena Schulte

Der Geruch der Stasi liegt noch in der Luft“, sagt der Guide, der eine Münchner Schülergruppe durch das Stasigefängnis führt. Die Münchner schnuppern erschrocken, der Guide macht eine melodramatische Pause. „Das kommt vom Fußboden“, fügt er schließlich hinzu. Die Schüler blicken verwirrt. Warum die Stasi und ein Fußboden identisch sind, wird ihnen nicht erklärt.

„Meinen Sie diesen Geruch?“ fragt Michael Wachotsch, Chemiker und Experte für Innenraumschadstoffe, und holt ein Marmeladenglas aus dem Regal seines Labors. Ich öffne den Deckel, rieche am rosa Staub und nicke. Ja, genau den meine ich. So rochen die Züge, in denen wir aus unserem West-Berliner Stall gen Urlaub rollten. So roch das Treppenhaus zu meiner ersten eigenen Wohnung damals in Leipzig. So roch meine persönliche Freiheit.

Diesem Geruch kann man bis heute in vielen DDR-Gebäuden begegnen, vor allem in den öffentlichen. Unter Westnasen wird dann gerne über seine Herkunft spekuliert. „Was so riecht, sind die Kresole“, sagt Michael Wachotsch und schiebt meine Freiheit zurück ins Regal, „hat man auch im Westen benutzt.“ Kresole werden aus den Abfällen der Schwerölindustrie gewonnen und sind von zäher Natur. Schwerflüchtig, wie der Chemiker sagt. Sie dienten unter anderem als Lösungsmittel und waren überall drin: im Fußbodenkleber, im Estrich, in Desinfektions- und Holzschutzmitteln. Im Westen stieg man Anfang der 50er auf geruchsneutralere, aber keinesfalls gesundheitsfreundliche Mittel um, etwa auf Formaldehyd.

Der alte Kresolgeruch, der ängstliche Näschen alarmiert aufschnuppern lässt, ist im Normalfall harmlos. Er ist nur ein kleiner, widerspenstiger Geruch, wissenschaftlich ausgedrückt: ein Fehlgeruch. Der schon so manchen frohlockenden Investor in Depressionen stürzte. Etwa beim Umbau des DDR-Finanzministeriums in den Bundesrechnungshof. Friedlich saßen die Kresole in Wänden und Böden, wo sie glückliche Verbindungen eingegangen waren. Niemand roch ihre Existenz, bis sie von Bonner Bohrmaschinen und Zementspülungen aufgeschreckt wurden.

Für mich war und bleibt er ein Freiheitsgeruch. Wo die Kresole duften, darf man noch Filterkaffee trinken und sich auch sonst von aktuellen Trends erholen. Wer jetzt allerdings die Kresole unter Kultverdacht stellen will, muss enttäuscht werden. Es gibt noch zu viele von ihnen, und sie werden so schnell nicht auszurotten sein. Um sie wirklich loszuwerden, muss man sie an der Wurzel herausreißen. Das ist vielen zu teuer. Also überdeckt man sie vielerorts mit einer Alu-PVC-Folie, doch früher oder später werden sie sich den Raum zurückerobern. Nach Michael Wachotschs Einschätzung wird man es noch in 250 Jahren mit ihnen zu tun haben.

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