Zeitung Heute : Warum rollen die Libanesen ihre Teppiche zusammen?

Daniel Erk

Das Wohnzimmer meiner Gastgeber in Beirut wirkte ziemlich karg. Zwei Sofas standen darin, ein Bücherregal, der Fernseher und ein kleiner Couchtisch, und trotzdem erschien der Raum provisorisch und seltsam uneingerichtet. Die Vorhänge zum Innenhof der Wohnung im zentralen Stadtteil Hamra unweit der American University of Beirut waren meist zugezogen, die Teppiche, die den Wohnbereich offenbar normalerweise schmückten, standen zusammengerollt in einer Ecke des Raumes.

Zunächst vermutete ich, dass meine Mitbewohner, junge Studenten, einfach ein wenig nachlässig waren, weil sie die Einrichtung ihrer Wohnung auch sonst eher pragmatisch denn übermäßig liebevoll gestaltet hatten. Ich fragte trotzdem nach, weshalb die Teppiche, die den Raum sicher wesentlich wohnlicher gemacht und ihm einen explizit orientalischen Charme verliehen hätten, an der Wand lehnten? Meine Gastgeber lächelten: „Warte ab“, sagten sie, „du wirst es sehr bald merken.“

Und so war es. Als wir am ersten Abend aus der Hitze des Tages in die Wohnung zurückkehrten und die Schuhe auszogen, kühlte der Steinboden unsere strapazierten Fußsohlen, während die Klimaanlage leise summend kalte Luft produzierte. „Die Teppiche“, sagten meine Gastgeber, „sind nicht einfach nur Schmuck.“ Sie sind vor allem ein Nutzobjekt und dienen zur Wärmeregulierung der Wohnung. In kühlen Monaten halten sie die Räume warm und gemütlich. Wenn es wieder heiß wird, kann man sie einfach zusammenrollen, in die Ecke stellen, dann hält der Steinboden die Wohnung angenehm kühl.

Diese Art der Fußbodenheizung (bzw. -kühlung) hat Tradition im Orient: Für umherziehende Nomaden und Berber sind Teppiche bis heute die beste Möglichkeit, die Temperatur in ihren Zelten zu regeln. Um die Wärme in den Zelten zu halten, werden die Teppiche daher oft im Eingangsbereich der Zelte gestapelt.

Natürlich haben die Teppiche über die Jahrhunderte in ihren verschiedenen Ausprägungen einen eigenen Status als Kunstform und Renommeeobjekt erhalten. Wohlhabende Libanesen besitzen deshalb sowohl reine Nutz- als auch Schmuckteppiche, die den Status der Inhaber unterstreichen und die Wohnung schmücken sollen. Was meinen pragmatischen Gastgebern offenbar weniger wichtig war.

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