Zeitung Heute : Warum schaukeln die Amerikaner auf der porch?

Susanne Kippenberger

Die Neue Welt sieht ziemlich alt aus: griechisch-römisch, auf jeden Fall antik – wo man hinguckt, klassische Säulen. Auf solchen ruhen auch die Decken der porches, jener überdachten Veranden, die jeder Deutsche kennt: aus dem Kino und dem Fernsehen. Ob in „Grüne Tomaten“, „Vom Winde verweht“, „Lassie“, immer sitzen die Figuren auf den breiten, meist hölzernen Vorzimmern. Meistens auf Schaukelstühlen. Nur die Kinder hocken auf den Stufen.

Front Porches, hat ein Architekturkritiker einmal gesagt, sind „so amerikanisch wie apple pie“. Dabei geht der Name auf Europa zurück: porch kommt von portikus, dem antiken Säulenvorbau, der meist vor Tempeln stand. Modell gestanden allerdings haben auch afrikanische Häuser. Wie so oft in den USA, nahm man sich einfach aus den verschiedenen Kulturen, was einem gefiel – und machte was Eigenes draus. In diesem Fall ein großzügiges Entree, etwas zum Angeben, ein Open-Air-Wohnzimmer, in dem auch Gäste von draußen willkommen waren. Nur in Amerika hatte man so viel Platz für so große frei stehende Häuser, nur dort hatte man so viel Natur, mit der man verbunden sein wollte – aus sicherer Distanz. In der Neuen Welt schaukelt man lieber, als dass man wandert, eine Kultur des Spazierengehens hat sich im Land der spektakulären Natur nie entwickelt.

Vor allem in den Südstaaten wurden porches gebaut, dort, wo es besonders feucht-heiß war. Denn in der Zeit, in der sie entstanden – den größten Boom erlebten sie im 19. Jahrhundert, als die Pioniere sich schon mal etwas Freizeit gönnten – gab es noch keine Klimaanlagen. Auf der überdachten Veranda war es schattig und nicht so stickig wie im Haus.

Mit dem 20. Jahrhundert kam der Niedergang. Die luftigen Orte der Geselligkeit fielen einer anderen uramerikanischen Sache zum Opfer: dem Automobil. Bei den Neubauten in suburbia wurden sie durch große Garagen ersetzt. Zum müßigen Schaukeln hatte keiner mehr Zeit und genauso wenig Lust, denn statt auf die Natur blickte man jetzt auf Straßen. Ging es mit einem alten Viertel bergab, verkam die porch oft zur Rumpelkammer. Amerika zog sich zurück: Statt auf der halböffentlichen Veranda hockt man nun, tiefkühlklimatisiert, drinnen vor dem Computer. Seit der Nachkriegszeit hat der family room (mit dem Fernseher als Zentrum) die porch als Treffpunkt abgelöst.

Wenn Thomas Jefferson das wüsste! Der dritte Präsident der USA baute mit seinem Wohnsitz Monticello Amerikas erstes Traumhaus – natürlich mit porch. Ein Traum, an dem er 30 Jahre lang bastelte. Mit seiner klassizistischen Säulenarchitektur entfachte Jefferson eine ganze Mode, das Greek und Roman Revival. Und da der Präsident glaubte, dass jede Familie im Land ein eigenes Haus auf eigenem Grundstück haben sollte, entstanden bald viele kleine Monticellos.

Noch heute werden welche gebaut: als nostalgisches Zitat, als Erinnerung an geruhsamere Zeiten, als man noch stundenlang an der frischen Luft schaukeln konnte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar