Zeitung Heute : Warum schlafen die Deutschen unter getrennten Decken?

Pascale Hugues

Es ist weder der Mangel an Kinderbetreuung noch die Angst vor der Zukunft oder die Bequemlichkeit der „Ich-Generation“: Die Antwort auf die deutsche Bevölkerungskrise findet sich in der fünften Etage des KaDeWe. In der Bettwäscheabteilung.

Eine Iranerin, Mutter einer kinderreichen Familie, hat mir endgültig die Augen geöffnet darüber, woher die Sterilität der Deutschen rührt. Auf der Suche nach Laken und Bettdecken waren wir uns an einem riesigen Wühltisch mit Daunenoberbetten begegnet. „Kein Wunder, dass die Deutschen keine Kinder mehr machen!“, schimpfte die schöne Iranerin, während sie ihre blutroten Fingernägel in den samtweichen Tiefen der Gänsefedern versenkte. „Wie soll man denn auf einen Baby-Boom hoffen in einem Land, wo Männer und Frauen nicht unter derselben Decke schlafen, wo mitten im Ehebett eine Trennlinie verläuft?“

Es stimmt: Das deutsche Bett ist ein Keuschheitsgürtel. Diese kleinen, individuellen Bettdecken, in die sich jeder deutsche Schläfer einzeln einrollt, um eine isolierte Nacht zu verbringen, ohne die Körperwärme des anderen zu fühlen – sie sind das wirksamste aller Verhütungsmittel. Garantiert ohne jede Nebenwirkung.

Wer über einen französischen Markt schlendert, dem schreien die Bettwäscheverkäufer aus vollem Hals entgegen: „Kaufen Sie meine schönen Decken! Man schläft zu zweit darunter ein! Und wacht zu dritt wieder auf!“ Das französische Ehebett wirkt wie ein elementares Naturgesetz: Es verpflichtet zur Fortpflanzung. Ein großes Laken, eine Doppelbettdecke, das Ganze fest unter die Matratze geschlagen, so dass die Schläfer so eng aneinander geschnürt sind, dass sie gar nicht auf Abstand gehen können. Das Ergebnis: Die deutschen Frauen produzieren im Laufe ihres Lebens genau 1,3 Kinder. Die Französinnen dagegen setzen 1,9 Babys in die Welt. Und die Kurve geht weiter auseinander. Im Jahr 2050 wird es in Europa mehr Franzosen geben als Deutsche.

Mein Großonkel Julien und meine Großtante Mireille leben in einem kleinen Dorf in Südfrankreich, das sich an eine Bergkuppe am Fuß der Alpen schmiegt. Ihrem Bett sieht man 50 Jahre ehelichen Schlaf an. Tante Mireille ist berühmt für ihre Drosselpasteten, deren liebevoller Zubereitung es zu verdanken ist, dass sich die Hüften der beiden Schläfer im Laufe der Jahre immer mehr den Proportionen des Michelin-Männchens angenähert haben. Und die eheliche Matratze hat nach und nach die Form ihrer Körper angenommen. In der Mitte des Bettes ist ein tiefer Graben entstanden, der den genauen Ort markiert, wo seit 50 Jahren jede Nacht zwei schwere Körper zueinander finden.

Aus dem Französischen von Jens Mühling

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