Zeitung Heute : Warum schlafen die Finnen so gern im Mökki?

Wolfram Eilenberger

Eigentlich fehlt es in diesen Holzhütten an allem. Kein fließend Wasser, kein Strom, die Einrichtung karg, der Tisch zu klein, die Betten hart. Wer nach der Toilette fragt, wird per Handzeichen auf einen Verhau im Wald verwiesen. Ein Kiesweg führt hinunter an den See, wo sich hinter Birken ein weiteres Hüttchen zeigt. Scheite stapeln sich dort bis unter das Dach. Im Vorraum warten Zuber, Kellen und Handtücher: die Sauna.

So sieht er also aus, der finnische Traum vom Wohlbefinden. Sage und schreibe 450 000 solcher privater Holzhäuschen zählt das Land. Bei kaum fünf Millionen Einwohnern sind die Finnen damit unangefochtene Waldhüttenweltmeister. Vor allem in den schneefreien Sommermonaten wird das Mökki am See zum zweiten Zuhause. Viele Familien verbringen die ganzen dreimonatigen Sommerferien gemeinsam in der Hütte.

Das war nicht immer so. Das Mökki ist in Finnland sogar ein vergleichsweise junges Volksphänomen. „Der eigentliche Boom“, erklärt Iina Wahlström, Folkloristin und Mökki-Forscherin an der Universität Turku, „begann erst in den fünfziger Jahren. Die Bevölkerung zog in dieser Zeit vom Land in die Städte, fand dort Arbeit und war wirtschaftlich erfolgreich. Diese Generation baute ihr erstes Mökki häufig am Heimatort der Eltern. Die Hütte stand für die alte Lebensweise auf dem Land, die Erinnerung an die ungezwungenen Jahre der Kindheit.“

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ob Beeren pflücken, Pilze sammeln, fischen, Holz hacken, Wasser schleppen oder den Mücken trotzen, irgendetwas Elementares findet sich dort immer zu tun. Den lieben langen Rest des Sommertags wird gelesen. Zwar gibt es mittlerweile auch den Trend zur voll technisierten Komforthütte, doch die Mehrheit der ansonsten unbedingt technikbegeisterten Finnen verzichtet hier ganz bewusst auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Fernseher und fließend Wasser sind nur für Touristenhütten typisch. Bei einem wahren Mökkiaufenthalt geht es schließlich nicht um Urlaub im modernen Sinn, sondern um die Erfahrung eines anderen Alltags; eines Alltags ohne Zeitdruck, ohne Freizeitstress und vor allem ohne den Zwang, irgendeiner Rolle gerecht werden zu müssen. Das gelungene Mökkileben ist sich selbst genug.

Für diesen Luxus des Selbstseins braucht es nach finnischer Überzeugung vor allem Distanz zum Nachbarn. Jede Hütte liegt deshalb für sich, fein abgeschieden in ihrer eigenen Waldbucht. Nichts schiene absurder als die Vorstellung einer Kolonie nach deutschem Schrebergartenvorbild. Die Finnen sitzen auf ihrer winzigen Mökkiveranda und schweigen im kleinen Kreis. Es ist helle Nacht. Nichts geschieht. Man ist einfach nur da, betrachtet den See – und könnte nicht glücklicher sein.

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