Zeitung Heute : Warum schlafen Koreaner auf dem Boden?

Björn Rosen

Koreaner lieben ihren Fußboden, auf dem sie sitzen, um zu essen, zu arbeiten oder sich zu unterhalten – und auf dem sie liegen, um zu schlafen.

Der Boden in koreanischen Wohnungen ist sehr warm, es wird traditionell nur von unten geheizt. Seit über 1300 Jahren haben die Häuser Fußbodenheizungen, die „Ondol“ heißen: warmer Stein. Tatsächlich kann der Boden mit Ondol aber nicht nur warm, sondern sogar richtig heiß werden – 30 bis 35 Grad Celsius gelten als ideal. Ausländer, die das nicht gewöhnt sind, sollten sich dicke Socken anziehen, denn Schuhe muss man beim Betreten einer koreanischen Wohnung am Eingang zurücklassen.

Die Koreaner selbst „lieben die Hitze“, wie Namhee Chon, Koreanisch-Lektorin an der Freien Universität (FU), sagt. „Wir verbinden mit Ondol auch emotionale Wärme.“ Alles, was in der Familie oder im Freundeskreis passiert – Feiern, Mahlzeiten, Trinkgelage, findet schließlich auf beheiztem Untergrund statt. Früher bestand der Boden in koreanischen Häusern aus Steinplatten, die mit geöltem Papier bedeckt waren. Darunter verliefen Leitungen, die ebenfalls aus Stein gebaut waren. Sie wurden mit dem Ofen des Hauses verbunden, in dem Holz oder Kohle brannte. Während auf dem Ofen Reis kochte, erhitzte der warme Rauch des Feuers die Zimmer. Heute ist das anders: Meist fließt jetzt heißes Wasser unter dem Boden hindurch, das schon warm in die Wohnung kommt oder durch eine Öl- oder Gasanlage erhitzt wird. Über dem Zementfußboden liegt nun Linoleum.

Die Gebräuche aber sind geblieben. Es gibt zwar mittlerweile Koreaner, die in westlichen Betten schlafen. Und längst stehen in den Apartements auch elektrische Heizöfen. Aber viele Leute legen sich nachts noch immer auf den Boden – auf eine dünne Matratze, die abends aus dem Schrank geholt und morgens wieder zusammengerollt wird. Die Wärme von unten soll auch gesund sein. „Wenn Koreaner erkältet sind, heizen sie noch stärker“, sagt Namhee Chon.

Natürlich ist die Fußbodenheizung besonders im Winter wichtig – und verspricht dann auch den höchsten Genuss. Einmal geheizt, verliert der Boden nur langsam seine Wärme. Besonders heiß ist er in buddhistischen Tempeln. Laut Namhee Chon sagen die Mönche sich nämlich: „Wenn wir schon keine Frauen haben dürfen, wollen wir es wenigstens schön warm haben.“

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