Zeitung Heute : Warum schreit er?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Als ich noch kinderlos war, machte es für mich keinen Unterschied, ob ein Baby schrie oder vor Freude juchzte, ich nahm das als Baby-Klangteppich wahr. Babys schreien halt, fand ich, und wenn ich kinderfreundlich wirken wollte, sagte ich zu den Eltern: „Macht doch nichts! Stört gar nicht.“

Inzwischen weiß ich, dass es Eltern gar nicht interessiert, ob das Geschrei ihres Babys irgendwen stört. Wenn sie hektisch alle Methoden durchprobieren, um das Brüllen abzustellen, dann nur, weil sie überzeugt sind, dass sie gerade ein schweres Trauma begründen und ihr Kind später kriminell oder drogenabhängig werden könnte, weil es zehn Minuten auf seine pürierten Karotten warten musste. Nie hätte ich gedacht, dass ich so sehr mit meinem Baby mitleiden würde. (Wenn fremde Kinder schreien, ist mir das übrigens genauso egal wie früher. Ich finde das ziemlich grausam von mir. Manchmal liegt mir der Satz auf der Zunge: „Macht doch nichts!“)

Ein Bekannter mit einschlägiger Erfahrung hat uns zu Noahs Geburt einen Ratgeber mit dem Titel „Oje, ich wachse“ geschenkt. Darin steht zwar nicht, wie man das Schreien abstellen kann, aber immerhin erfährt man, was das ganze Gezeter soll. Das ist nämlich so: Babys haben eine Art Fahrplan einprogrammiert, nach dem sie ihre Launen richten. Im Gegensatz zur Bahn sind sie dabei ziemlich pünktlich. Sie brüllen, was das Zeug hält: in der fünften Lebenswoche, in der achten, der zwölften… So wie der Igel weiß, wann er sich zum Winterschlaf zusammenrollen muss, wie eine Bombe losgeht, wenn der Zeitzünder abgelaufen ist, so weiß das Kind, wann es schreien muss. Außer wenn es Hunger hat, wenn ihm zu heiß oder zu kalt ist oder sonst etwas nicht stimmt, schreit das Kind immer dann, wenn es einen Entwicklungssprung macht und viele neue Dinge kann. Es fühlt sich dann, als wäre es auf einem fremden Planeten ausgesetzt, und dieser Planet ist ihm unheimlich (so fühlen wir Mütter uns eigentlich ständig).

„Im ersten Lebensjahr steht Ihr Kind 14 mal Kopf“, heißt es in dem Buch. Das mag frustrierend klingen, wenn man bedenkt, dass das Jahr nur 52 Wochen hat und die Entwicklungssprünge bis zu vier Wochen dauern, aber das Buch hat einen ungeheuer tröstlichen Effekt. Wenn das Kind schreit, und man weiß nicht, warum, hat man sofort die Diagnose: „Es ist im Sprung.“ Dann lehnt man sich beruhigt zurück, denn man kann sowieso nichts tun. Außerdem macht das Buch das Leben so schön vorhersehbar. Ich weiß zum Beispiel, dass ich mir für die nächsten drei Wochen nichts Besonderes vornehmen sollte; gut, dass nur Noahs Taufe, Weihnachten und Silvester in diese Zeit fallen.

Meine Freundin J. hat, sobald ihr Sohn geboren war, ihren Terminkalender fahrplangemäß mit Sonnen- und Wolkensymbolen vollgemalt. Vor kurzem haben J. und ihr Freund recht spontan beschlossen zu heiraten, ganz allein, nur die beiden und das Baby. Das Standesamt hatte nur noch einen Termin frei, und zwar in der Woche mit den dicksten Gewitterwolken des ganzen Jahres. J. und ihr Mann haben sich nicht schrecken lassen. Vom Standesamt sind sie gleich auf Hochzeitsreise nach Oslo gefahren, mit der Fähre. Als sie gerade an Bord angekommen waren, haben wir noch einmal kurz telefoniert. J. jubelte. Der Kleine sei fröhlich durchs Standesamt gekrabbelt, von fremden Planeten keine Spur. Dann hatte sie noch eine Frage: „Sag mal, können Babys eigentlich seekrank werden?“ Die Gewitterwolken waren diesmal ganz real. Der Wetterbericht kündigte Windstärke 8 an.

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