Zeitung Heute : Warum schwimmt ein schwerer Baumstamm?

Forscher finden einen Weg, Kinder bereits in der Grundschule für Naturwissenschaften zu interessieren

Sybille Nitsche

Dass Kinder in der Grundschule physikalische Zusammenhänge nicht verstehen können – diese Auffassung hat die Psychologin Elsbeth Stern widerlegt. Durch Forschungen am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung konnte sie zeigen, dass die Kinder sehr wohl in der Lage sind, naturwissenschaftliche Phänomene zu analysieren. Bis vor kurzem lehrte die Wissenschaftlerin auch als Honorarprofessorin an der TU Berlin. Jetzt hat sie eine Professur in Zürich übernommen.

Zunächst legte sie Drittklässlern in Münster und Berlin die Frage vor, ob ein Baumstamm schwimmen könne, den fünf starke Männer nicht hochheben könnten. „Etwa die Hälfte der Kinder meinte, dass der Stamm untergeht, weil er zu schwer ist", erzählt Stern. Nach einem speziell konzipierten Unterricht über Dichte und Auftrieb antworteten nahezu alle Kinder, dass der Baumstamm schwimmt. „Viele begründen dies korrekt mit dem Auftrieb“, sagt Stern. „Das verdrängte Wasser wiegt mehr als das Holz.“ Die Schüler hatten sich die Erkenntnis vor allem durch Experimente erarbeitet.

Es war den Wissenschaftlern gelungen, das intuitive Verständnis der Drittklässler in Richtung einer wissenschaftlichen Erklärung weiterzuentwickeln. „Die Kinder haben die Vorstellung aufgegeben, dass alles, was schwer ist, versinken muss. Jetzt wissen sie, dass es auf die Dichte des Materials ankommt. Eine frühe Förderung des physikalischen Denkens scheint also möglich“, lautet das Fazit der Wissenschaftlerin. Sie plädiert nun dafür, bereits im Sachunterricht physikalisches Grundwissen zu erarbeiten. Dazu müsse sich jedoch der Unterrichtsstil ändern. Zu oft würden die Schüler dazu gedrängt, lediglich die Vorgaben des Lehrers zu übernehmen.

Echtes Verständnis geht damit selten einher. „Will ein Lehrer zum Beispiel erfolgreich Dichte und Auftrieb vermitteln“, sagt Stern, „muss er wissen, wie sich die Schüler bislang aus ihrer Alltagserfahrung heraus das Schwimmen eines Baumstammes oder eines Schiffes erklären. Nur so kann der Lehrer an Vorwissen anknüpfen und geeignete Aufgaben entwickeln.“ Der stark unterweisende Charakter des naturwissenschaftlichen Unterrichts müsse aufgegeben werden. Das Ziel solle sein, das selbstständige und abstrakte Denken der Kinder möglichst früh zu fördern.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!