Zeitung Heute : Warum sind amerikanische Vorgärten so platt?

Susanne Kippenberger

Gärten, was für Gärten? Anstelle von Blumen stecken oft Fähnchen im amerikanischen Rasen. Vorgärten sind in den USA schließlich keine Gärten, sie sind eine politische Demonstration. Auch dort, wo keine Flaggen blühen.

Unabhängig wollten die Pioniere sein, amerikanisch eben. Auch im Garten. Der sollte dem hiesigen Boden und Klima angepasst sein – und das ist nun mal oft extrem und nicht besonders blumenfreundlich –, aber auch „dem einfachen guten Geschmack und den Gewohnheiten der Bewohner dieser Republik“, wie es in einer Gartenzeitschrift von 1849 heißt.

Jeder Kinogänger kennt ihn, den glatt rasierten Rollrasen in den amerikanischen Suburbs. Platt wie ein frisch gesaugter Teppich liegt er zwischen der Straße und dem zurückgesetzten Einfamilienhaus, gleich neben der Garageneinfahrt. Im alten Europa konnten sich so was Feines nur die Reichen leisten, die weniger Privilegierten nutzten den Garten für den Anbau von Obst und Gemüse; in den USA kaufte man schon früh die Äpfel im Supermarkt. Der Vorstadtrasen ist sozusagen gelebte Demokratie: „All men are created equal“, heißt es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Also: gleiches Recht für alle und jedem seinen Rasen. Dabei gehört es zu den Paradoxien der amerikanischen Gesellschaft, dass Individualität als geradezu heiliger Wert gilt, der Druck zur Konformität zugleich enorm hoch ist. Also: nicht, dass jetzt jeder seinen eigenen, eigenwilligen Vorgarten anlegt. Einer soll aussehen wie der andere.

Schon in den 20er Jahren hat der Architektur-Kritiker Lewis Mumford die Gleichförmigkeit der Vorstädte attackiert: „ein Haufen uniformer, unidentifizierbarer Häuser, unflexibel aufgereiht in uniformem Abstand, an uniformen Straßen, in einer baumlosen gemeinschaftlichen Öde, bewohnt von Menschen derselben Klasse, mit dem gleichen Einkommen, dem gleichen Zirkel.“ Diese Harmonie sollte niemand stören. Denn in einer Vorstadt soll der Vorgarten nicht persönlicher Ausdruck des Individuums sein, sondern bezeugen, dass der Bewohner zur Gemeinschaft gehört. „A man’s home may be his castle“ heißt es in einem Gartenbuch aus den 30er Jahren, „aber sein Rasen vor dem Haus gehört der Öffentlichkeit.“

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten soll es keine Grenzen geben, im Leben so wenig wie im Tod. Der Architekturhistoriker Georges Teyssot weist zu Recht auf die Ähnlichkeit zwischen amerikanischen Vorgärten und Friedhöfen hin, wo es anstelle abgegrenzter Grabstellen nur eine Rasenfläche gibt, auf der die Steine herumstehen. Auch in Suburbia sind Hecken und Zäune verpönt. Wer weiß, was sich dahinter verbirgt: „Große Haufen Müll“ fürchtete eine Zeitschrift zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Pilgerväter haben ihr puritanisches Erbe hinterlassen.

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