Zeitung Heute : Warum sind Bayerns Balkone voll mit Geranien?

Norbert Thomma

Blumenschmuck an Häusern, das ist eine relativ junge Erscheinung. Sie hängt mit dem Fremdenverkehr zusammen: Plötzlich konkurrierten Orte um Sommergäste und merkten, schöne Aussicht und gute Luft alleine genügen nicht. In Garmisch zum Beispiel wurde 1859 ein so genannter „Verschönerungsverein“ gegründet. Spazierwege wurden angelegt, Bäume gepflanzt, an malerischen Aussichtspunkten Bänke aufgestellt. Auf historischen Fotos kann man sehen, dass die ersten Gebäude, die systematisch mit Blumen geschmückt wurden, die Hotels waren. Die Sommerfrischler sollten es doch hübsch haben.

So bekam auch der Balkon eine völlig neue Funktion. Im Alpengebiet haben die Häuser traditionell weit überstehende Dächer. Bei Schlagregen sollten die Balkone nicht nass werden, denn dort wurden Pilze, Kräuter und die Wäsche getrocknet, Zwiebeln aufbewahrt… Nur auf dem Balkon sitzen, das tat die Bäuerin nie. Dazu war er viel zu schmal, außerdem mussten die Bauern arbeiten. Der Balkon war einfach eine zusätzliche witterungsgeschützte Wirtschaftsfläche des Hauses. Erst als die Zimmervermietung im frühen 20. Jahrhundert als Einnahmequelle immer wichtiger wurde, wurde der Balkon der Bauernhöfe so verbreitert, dass Liegestühle und Sitzmöbel für die Hausgäste draufpassten. Sogar eine kleine Markise als Sonnenschutz wurde angebracht.

Die Balkonblumen waren in der Regel Frauensache. Hängenelken hatte man früher oft, Geranien kamen später, das ist reine Geschmacksache. Ursprünglich standen die Pflanzen in Töpfen und nicht in Pflanzkästen. Immerhin, jetzt sahen die Häuser prächtiger aus. Vorher waren die Lüftlmalereien an den Fassaden, die Putzgliederungen um Fenster- und Türöffnungen oder einfache farbige Fassungen die einzige Zierde gewesen. Natürlich gab es auch sozialen Druck. In Reit im Winkel zum Beispiel war der Blumenschmuck in den 1970er Jahren eine Verpflichtung. Diejenigen, die hier Ferienwohnungen hatten und ihre Blumen nicht pflegen konnten, haben sich mit Plastikgeranien beholfen, um keinen Ärger zu bekommen.

Heute wird schon geschaut: Wer hat die üppigsten Blumen? Sie sind ein Statussymbol. Dabei sind Geranien empfindlich, die Blütenpracht leidet sofort unter dem Regen. Deshalb kann man die ausgeklügeltsten Konstruktionen sehen, Schutzfolien auf Holzgestellen, kleine Markisen, alles Marke Eigenbau. Das sind die ganz Ambitionierten. Allerdings gilt das nicht für ganz Bayern; die stattlichen Höfe mit den Geranien und den ausladenden Dächern finden sich eher in Oberbayern, grob gesagt: zwischen München und den Bergen.

Wissenschaftliche Beratung: Ariane Weidlich, Kunsthistorikerin im Freilichtmuseum Glentleiten (www.glentleiten.de)

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