Zeitung Heute : Warum sind Kopfkissen so verräterisch?

Pascale Hugues

Eigentlich, könnte man meinen, hat das harmlose Viereck nur eine einzige Aufgabe: uns im Schlafe den Kopf zu tragen. In Wirklichkeit ist das Kissen ein strategisches Objekt mit vielfältigen Funktionen:

1. Ein Ort, an dem der Aberglaube zu Hause ist. Unter dem Kopfkissen findet die kleine Maus (in Frankreich) und die Fee (in Deutschland) die Milchzähne und vertauscht sie gegen eine Münze. Unter dem Kopfkissen bewahren die jungen Mädchen ihre ersten Liebesbriefe auf und die alten Herren ihren Flanellpyjama.

2. Ein Ort der Preisgabe. In der Tiefe ihres Kopfkissens erstickt Felicitas, das Dienstmädchen in Flauberts „Ein einfältig Herz“, ihr Schluchzen, damit die Herrschaft ihre Verzweiflung nicht bemerkt. Mit seiner sanften Weichheit ist das Kissen ideal für die eheliche Versöhnung, ist diskreter Zeuge heimlicher Geständnisse.

3. Ein Ort für Krieg und Frieden. Welcher Mächtige wurde nicht auf dem Kopfkissen von seiner Mätresse manipuliert, die im Halbdunkel den Lauf der Weltgeschichte zu beeinflussen suchte. In Kinderzimmern dient es als fürchterliche Waffe: Die Kissenschlacht gehört in ganz Europa zum sonntagmorgendlichen Ritual.

4. Die Haltung des Kopfkissens ist verräterisch. „Wie man sich bettet, so liegt man“, sagt ein altes Sprichwort. Früher hat jede gute Hausfrau morgens eine Stunde lang die Betten gemacht, die Laken geglättet und die Kissen am offenen Fenster ausgeklopft, bevor sie sie in Habt-Acht-Stellung auf der Bettdecke ausrichtete. Heute machen das fast nur noch die Zimmermädchen der noblen Hotels: Mit einem Handkantenschlag versetzen sie dem Kopfkissen genau in der Mitte den gezielten Stoß. Diese gewalttätige Geste, mit der man auch einem Kaninchen das Genick bricht, soll die Statik des Kopfkissens stabilisieren.

5. Das Kopfkissen kann als Geheimcode fungieren. In einem eleganten Hotel meiner Heimatstadt Straßburg pflegten die eingeweihten Gäste bei der Rezeption anzurufen und ein Extra-Kopfkissen zu bestellen. Unmittelbar darauf stieg eine der an der Bar aufgereihten Blondinen in den Lift. Bis zu dem Tag, als ein argloser englischer Tourist wegen des zu flachen Kissens nicht schlafen konnte, zwei zusätzliche Exemplare orderte… Ein riesiger Skandal – wegen zweier hübscher Kopfkissen.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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