Zeitung Heute : Warum sind Managuas Häuser einstöckig?

Daniel Erk

Der erste Weg in Managua führt immer auf den Mirador Tiscapa. Der Berg, einst Residenz der Diktatoren-Dynastie der Familie Somoza, erhebt sich zwischen den niedrigen Häusern und gibt den Blick frei auf den Lago Managua, eine Kette von Vulkanen am Horizont – und auf die wabernde, haltlose Stadt. Hier kann man am besten erkennen, was Managua so sonderbar erscheinen lässt: Die Häuser, ob ausladend mit Garten oder notdürftig zusammengeschustert, sind beinahe samt und sonders einstöckig.

Im Süden der Stadt ist das zwar anders, dort, zur Seeseite, erheben sich einige Hochhäuser und ein Fußballstadion aus einem Meer aus Beton und Grün. Doch es liegt eine eigenartige Stille über dem Viertel. Es ist das alte Managua, eine Ruinenstadt, deren Gebäude zunehmend verfallen und von der tropischen Vegetation umwuchert werden. In manchen der Häuser hausen Obdachlose, doch ansonsten hat Managua seiner früheren Hülle den Rücken zugekehrt und ein neues Leben begonnen. Das Leben nach dem großen Erdbeben.

Es war 1972, in der Nacht vor Weihnachten. 0.35 Uhr. Es muss eine wahnwitzige Wucht gewesen sein. Innerhalb von Sekunden schossen Risse in die Hochhäuser dieser florierenden Stadt, viele Wohnhäuser fielen einfach in sich zusammen. Die Richterskala zeigte Erdbebenstärke 6,2, bis zu 10 000 Menschen starben unter den Trümmern.

Es war nicht das erste Mal, dass Managua dermaßen erschüttert wurde. Schon 1931 war bei einem Beben der historische Stadtkern weitgehend zerstört worden. Und doch, so stellte sich später heraus, hatten viele Gebäude auch 1972 nicht den laxen Bauvorschriften entsprochen. Ausgerechnet in Nicaragua war man auf ein Erdbeben nicht vorbereitet gewesen.

Aber diesmal, erzählt Carlos Mejia Kornfeld, halb Österreicher, halb Nicaraguaner und Reiseveranstalter in Managua, zog man die Konsequenzen. Das neue Managua, das wenige Kilometer landeinwärts errichtet wurde, blieb einstöckig – aus Geldmangel, aber auch aus Angst vor neuen Beben. Erst später wurden strenge Bauvorschriften erlassen. Wer heute in Managua baut, muss seine Pläne den Behörden vorlegen.

In den letzten Jahren, erzählt Mejia Kornfeld weiter, wurden aber auch in Managua wieder höhere Häuser gebaut. Vor allem Hotels, die zum Teil bis zu zehn Stockwerke hoch sind.

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