Zeitung Heute : Warum sitzen Vietnamesen auf bunten Höckerchen?

Lucia Jay von Seldeneck

Zentimeterdicht manövrieren sich die Mopeds aneinander vorbei, scheuchen sich hupenderweise gegenseitig aus dem Weg. Wen stört’s? In Hanoi offenbar niemanden. Mitten im lauten Chaos haben sich die kleinen Cafés und Suppenküchen niedergelassen, bilden an den Straßenecken und auf den Bürgersteigen Inseln der Ruhe. Um einen großen Topf, in dem die Nudelsuppe oder der Kaffee kocht, sitzen die Gäste auf klitzekleinen Plastikhöckerchen. Knallbunt und nicht mehr als 30 Zentimeter hoch scheinen sie eher für einen Kindergeburtstag gedacht zu sein. Wenn das „Restaurant“ voll ist – und das geht schnell, sechs Gäste reichen schon – kommt keiner mehr vorbei. Dann müssen auch die Fußgänger auf die Straße.

Drinnen ist in Vietnam Draußen. Während Europäer die Tür schließen, um ihre Ruhe zu haben, steht das Haus in Vietnam immer offen. Kein Wunder: In der Stadt ist es meist nur ein Zimmer breit und wie ein Tunnel in die Länge gezogen. Die untere Etage ist Wohnraum, Schlafzimmer, Laden oder Werkstatt in einem, die großen Ladentüren sind fast immer geöffnet. Angesichts des knappen Platzes erweitern die Vietnamesen ihren Wohnraum einfach nach draußen, bis zum Straßenrand. Wenn dann alle auf den Kindergartenmöbeln um den Topf zusammenhocken und Nudelsuppe schlürfen, erfährt man das Neueste aus Nachbarschaft und Stadt. Sind alle bunten Schemelchen besetzt, hocken sich Gäste und Freunde eben so dazu. Es sei gemütlich und wie zu Hause, erklären sie. Nur die Beine des ungelenken Europäers sind für diese Form der Heimeligkeit unterm Sonnenschirm zu lang; kein Platz zum Ausstrecken oder geschickten Anwinkeln, der Rücken schmerzt vom lehnenlosen Hocken, und dann verlangt das Essen mit den unfolgsamen Stäbchen auch noch hochgradige Konzentration.

Die Höckerchen, sagen die Vietnamesen, seien doch viel bequemer und anheimelnder als die hohen Stühle. Menschen, die auf solchen sitzen, gelten hier als unsympathisch; ja, die Person, die auf hohen Sitzgelegenheiten Platz nimmt, wird als hochnäsig und arrogant angesehen. Ein deutscher Esstisch mit seinen Sitzgelegenheiten würde hier nie als Einladung zum mittäglichen Plauderstündchen verstanden.

Und noch einen Vorteil haben die kleinen Schemel zu bieten: Sie sind äußerst handlich und leicht zu stapeln. So kann die Open-Air-Küche ohne großen Aufwand blitzschnell auf- und wieder abgebaut werden, wenn Gäste vorbeikommen. Oder eine Polizeikontrolle. Die improvisierten Restaurants auf Vietnams Straßen sind nämlich meistens nicht legal. Mobilität ist deshalb Trumpf.

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