Zeitung Heute : Warum staubt es in kappadokischen Häusern so?

Juliane Schäuble

Eigentlich ziemlich praktisch: Wenn die Großfamilie noch größer wird, sich zu neun Höhlenhausbewohnern ein zehnter gesellt, kann man sich einen mühsamen Anbau sparen, muss kein hässliches Gerüst aufstellen – in Kappadokien wächst man nach innen. In den „Feenkaminen“, den Felskegeln in Anatolien, wird einfach tiefer gegraben. Zusätzliche Bücherregale, eine Waschnische, ein neues Kinderzimmer – kein Problem: Das im Inneren weiche Tuffgestein lässt sich leicht ausschaben, in jeder Form, die man haben will. Nur der Staub ist eine ständige Plage. Da kann man noch so viel wischen: Ist das letzte Zimmer erreicht, müsste man eigentlich vorne schon wieder beginnen.

Vor Jahrtausenden schufen vulkanische Aktivitäten in Kappadokien Ablagerungen aus Asche, Schlamm und Lava. Die Witterung trug das Erdreich ab, zurück blieb das widerstandsfähigere Gestein. Eine unwirtliche, wasserarme Einöde 300 Kilometer östlich von Ankara, in der die Sommer heiß, die Winter kalt sind, fast immer fegt ein scharfer Wind durch die Mondlandschaft. Bizarre Formen sind so entstanden: In manchen Tälern drängen sich hunderte bis zu 30 Meter hohe Felskegel und Pyramiden aneinander, einige dieser bräunlich roten, beige- oder rosafarbenen Kamine balancieren ganz verwegen noch eine Felsplatte aus härterem Gestein auf ihrer Spitze. In andere haben zentralanatolische Bauern, die schon vor Jahrhunderten den Vorteil der weichen Gesteinsformationen erkannten, Höhlenwohnungen, Lagerräume und Ställe gegraben. Energietechnisch sind die ein kleines Wunder: Tuffgestein isoliert hervorragend, sommers wie winters. Obwohl die uralten Feenkamine zunehmend bröckelig werden, wohnen immer noch Menschen hier – in modernster Umgebung. Denn so archaisch das Äußere der Kegel anmutet: Innen drin steht der Computer mit Internetanschluss, viele der Höhlenwohnungen haben richtige Fenster aus Glas und fließend Wasser.

Inzwischen können auch Touristen ausprobieren, wie es sich zwischen Tuff-Wänden schläft. Übernachten kann der Reisende zum Beispiel im „Fairy Chimney Inn“, einer Kombination aus traditioneller Höhlenbauweise und moderner Funktionalität. In drei Stockwerke hohen Türmen vermieten der deutsche Ethnologe Angus Emge und seine türkische Frau mehrere Zimmer, darunter eine kuschelige Honeymoon-Suite. Hüttenzauberromantik mit Sauna, DSL-Anschluss und Fußbodenheizung – kein Wunder, dass die Emges ihre Höhle einem richtigen Haus vorziehen. Nur Gülcan Yücedogan-Emge träumt an manchen Tagen heimlich von einem Umzug: Immer dann, wenn sie beim Putzen verzweifelt, weil der Staub wieder alles mit einer feinen, weißen Schicht überzogen hat.

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