Zeitung Heute : Warum stehen in Mexikos Häusern Jungfrauenstatuen?

Philipp Lichterbeck

Man muss den deutschen Katholiken Undankbarkeit, zumindest aber Vergesslichkeit attestieren. Da jubeln wieder Hunderttausende ihrem Oberhirten zu, doch Poster oder T-Shirts des Mannes, dem sie den Trubel im Grunde zu verdanken haben, sucht man vergeblich. Die Rede ist vom Heiligen Bonifatius, der das östliche Frankenreich für den Papst missionierte, ehe ihm die Friesen 754 den Schädel einschlugen. Man nennt ihn auch „Apostel der Deutschen“. Ganz anders steht es mit dem religiösen Gedächtnis der Mexikaner, über die Octavio Paz einmal sagte, sie seien wie hypnotisiert von ihrer Vergangenheit. Denn wo immer man in Mexiko ein Haus betritt, die Jungfrau von Guadalupe ist schon da.

La Virgen de Guadalupe, die Schutzpatronin des Landes: In wohlhabenden Haushalten prangt sie als gerahmtes Gemälde über dem Ledersofa, in ärmeren hängt sie als grellfarbiges Poster an der unverputzten Backsteinwand. Sie klebt am Kühlschrank und im Flur. Man kann sie in Form einer zeigefingergroßen Plastikfigur auf dem Fernseher finden oder ellenlang, aus Holz geschnitzt und kunstvoll verziert auf dem Nachttisch. Es gibt sie aus Gips, Marmor und Pappmaché, und manchmal steht sie sogar auf dem Spülkasten im Bad. Auf ihren Schutz verzichten die Mexikaner nur ungern.

Die Darstellung ist immer die gleiche: eine betende dunkelhaarige Frau, die einen weiten Umhang trägt. Um sie herum: eine Aureole. Zu ihren Füßen: ein Engel. Deutlich zu sehen: Sie ist keine Europäerin, sondern Mestizin – wie 60 Prozent der Mexikaner selbst. Der Legende nach erschien die Jungfrau dem Aztekenjungen Diego Cuauhtlatoatzin 1531 in Tenochtitlan auf einem Hügel, der der Göttin Tonatzin gewidmet war. Ihr Abbild prägte sich in seinen Umhang ein, und sie wurde fortan zur Versöhnerin zwischen katholischem und indigenem Glauben.

Um die Statuen drapieren die Mexikaner heute Fotos der Liebsten, davor stellen sie Blumen und Kerzen, bitten um Liebe, Gesundheit und den Sieg des Fußballteams. Es sind aber nicht nur strenggläubige Haushalte, in denen man die Statuen findet. „87 Prozent der Mexikaner sind Katholiken, mehr als 90 Prozent sind Guadalupanos“, sagt die Anthropologin Charlynne Curiel aus Tijuana. Und für die in Berlin lebende Sozialpsychologin – und Atheistin – Berenice Hernández ist die Virgen „meine Verbindung zu Mexiko. Und sie ist Pop. Auf jeden Fall aber wichtiger als der Papst.“

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