Zeitung Heute : Warum stehen in Thai-Gärten immer kleine Häuschen?

Katja Michel

Langweilig wird es einem nicht auf einer Busfahrt durch Thailand: wahnwitzige Überholmanöver, freundliche Mitreisende, die den Touristen ihr Baby mal eben zur kurzen Versorgung in den Arm drücken, und dann all die bunten Vogelhäuschen, die man beim Blick durch die Fensterscheiben des Busses entdeckt. Kein Garten ohne Vogelhäuschen – zumindest wird der Europäer sie erst einmal für solche halten. Tatsächlich aber wohnen Geister dort, davon sind die Thais fest überzeugt. Und mit den Geistern sollte man es sich auf keinen Fall verscherzen, sonst könnten sie wütend werden und sich mit schlimmen Streichen rächen. Nur leichtsinnige oder nicht abergläubische Thailänder – und davon gibt es vor allem auf dem Land nicht viele – haben kein Geisterhäuschen in ihrem Garten stehen. Wer nämlich ein Haus für sich selber baut, vertreibt damit die Geister vom Grundstück, die dort zuvor gewohnt haben. Um sich also mit den übersinnlichen Zeitgenossen keinen Ärger einzuhandeln, muss der Bauherr ihnen ein neues, ein eigenes Heim geben.

Die meisten dieser Behausungen sehen aus wie buddhistische Tempel im Miniformat und stehen auf einem Pfahl. Je nach Finanzkraft und Investitionsbereitschaft des Bauherrn sind sie aus Holz, Beton oder auch Marmor. Das wohl bekannteste Geisterhaus ist der Erawan-Schrein in Bangkok, der von Hotelbesitzern gebaut wurde und täglich hunderte Besucher anzieht, die hier um die Erfüllung ihrer Wünsche bitten und Opfer darbringen. Die Geisterhäuser sind vermutlich kein buddhistischer Brauch, ihr Ursprung könnte brahmanisch sein, aber so genau können das nicht mal die Wissenschaftler sagen.

Mit dem bloßen Aufstellen eines Hauses allerdings ist die Schuldigkeit des Bauherrn noch lange nicht getan. Es gilt eine ganze Reihe von Regeln zu befolgen. So darf der Schatten des Haupthauses niemals auf das Domizil der Geister fallen, und die Plattform des Häuschens muss mindestens auf Augenhöhe angebracht sein. Das Einweihungsfest sollte vor elf Uhr morgens beendet sein, schließlich brauchen die Geister genug Zeit für ein ausgiebiges Mittagessen. Und es versteht sich von selbst, dass die Hausbesitzer auch weiterhin für das kulinarische Wohl ihrer Geister zu sorgen haben. Von jedem Einkauf auf dem Markt bekommen diese ihren Teil ab: Bananen, Kokosnüsse, Ananas. Viele Thais beten auch an ihren Geisterhäuschen und wünschen sich etwas.

Wer seine Geister so gut pflegt, kann davon ausgehen, dass sie besänftigt sind, ja, mehr noch, dass sie das Haus und seine Bewohner schützen werden. Der ein oder andere Wunsch wird so vielleicht auch in Erfüllung gehen. Und wenn man eines Tages wegzieht, verabschiedet man sich von seinen Geistern – aber lässt ihnen ihr Haus.

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