Zeitung Heute : Warum stinkt der Schweiß?

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ein wahres Studium generale hat Charlotte in den letzten Wochen absolviert. Sie bildete sich in Philosophie, Physik, Ethnologie, Biochemie, Mathematik, Informatik und Agrarwissenschaft. Jetzt steht in dieser Woche als Letztes die Linguistik an – dann kann man dem Kind in kaum einer Disziplin noch ein X für ein U vormachen. Unsere Tochter war eine eifrige Hörerin der Kinderuniversität. Bei so viel Bildungseifer wurde mir fast blümerant. Keine einzige Vorlesung hat die Nachwuchs-Studentin ausgelassen, und ihre nicht so interessierte Freundin wurde zum Schluss auch immer mitgeschleppt. Wenn damit nicht die akademische Karriere vorgezeichnet ist, weiß ich es nicht.

Aber jetzt muss mal gut sein mit der Formung des Geistes. Ein Kind soll nicht nur den Kopf trainieren, sondern auch seinen Körper.

Mit meinen leider nur noch rudimentären Lateinkenntnissen erinnere ich mich doch an den Spruch „mens sana in corpore sano“. Den kann sogar ich mit „gesunder Geist in gesundem Körper“ übersetzen. Wer sich nicht bewegt, bei dem erschlaffen nicht nur die Muskeln, sondern auch das Gehirn ermüdet. Kinder müssen so viel rumsitzen. In der Schule vor allem. Wenn jetzt noch der Hörsaal dazukommt, dann schreit das nach einem körperlichen Ausgleich.

Aber nicht nach Sportunterricht oder sonstigem Training. Da kann man sich nicht frei bewegen, sondern muss den Instruktionen der Sportpädagogen folgen. Nein, Charlotte soll toben, rumlaufen, sich richtig verausgaben können, so wie es ihr gefällt. Im Sommer ist das alles kein Problem. Da mache ich die Tür auf und sage: Ab nach draußen mit dir. (Meistens brauche ich das nicht einmal zu sagen. Sie geht nämlich gerne raus, weil sie da viel schöner spielen kann.) Bei diesen Temperaturen geht das aber nicht. Wird Zeit, dass der Winter endlich zu Ende ist. In unserem Häuschen tobt sie zwar auch gerne herum. Da der Raum arg begrenzt ist, kommt dabei nicht nur Freude auf für ihre beiden Mitbewohner, uns Eltern. Wir bangen um die schöne Standvase, den Fernseher, die fragil gestapelten CDs und all die anderen kostbaren Dinge.

Zur Entfaltung braucht es einfach Platz. Das haben einige findige Unternehmer erkannt und daraus ein gutes Geschäft gemacht. Indoor-Spielplätze gibt es in Berlin bestimmt schon eine Handvoll. Der Geräuschpegel ist etwa so wie in einem Hallenbad, das muss man mögen. Wenigstens wird man nicht nass. Eltern ziehen sich meist in einen Café-Trakt zurück und schauen von dort den süßen Kleinen zu. Die klettern auf wabblige, luftgefüllte Gummiberge, hopsen auf der Hüpfburg, versuchen sich auf Stelzen. Wenn ich nach mehreren Stunden zum Aufbruch dränge, ist Charlottes T-Shirt durchgeschwitzt. Auf der Rückfahrt fragt sie: Wieso stinkt Schweiß bei euch Erwachsenen und bei mir nicht? Ich denke, da ist der Biochemiker wieder gefragt. Also bitte, liebe Humboldtianer, wir brauchen die nächste Kinderuni.

Jolos Kinderwelt in Kreuzberg bietet in der alten Schultheissbrauerei auf 1500 Quadratmetern allerlei Kinderamusement. Tempelhofer Berg 7d, montags bis freitags von 14 bis 19 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr. Kinder 6 Euro, Erwachsene 3,50 Euro.

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