Zeitung Heute : Warum stopfen Italiener die Decke unter die Matratze?

Ulf Lippitz

Abends geht der Kampf los. Dann liegt man als Nordeuropäer im italienischen Bett, im Kopf regiert die gewohnte Beinfreiheit, aber am Fußende stößt man auf heftigen Widerstand. Die Decke ist von fachgerechter Hand unter die Matratze gestopft worden, sie liegt nun fest gezurrt über der Schlafstatt, man schlüpft gerade so unter den Saum und liegt nun steif wie eine Mumie im Decken-Sarkophag. Nur mit Hilfe panischer Tritte und gezielter Kraftanstrengung gelingt es den Beinen, die Textil-Fesseln zu lösen und so frei zu baumeln wie zu Hause.

Morgens sieht das Bett natürlich wie ein Schlachtfeld aus. Die dünne Decke durchläuft nachts verschiedene Phasen der Verwandlung: vom glatten Segel zur Rollwurst bis hin zur Knitter-Leinwand für abstrakte Kunst. Sie liegt völlig verwühlt, in hundert kleine Falten gebrochen auf dem Bett – und die italienische Mamma lacht schelmisch, als hätte man alle Erwartungen erfüllt. Nach dem Frühstück streicht sie die Bettwäsche wieder glatt, sie schüttelt das Kissen, richtet das Laken – und stopft die Decke wieder an der Seite und am Fußende tief unter die Matratze. Schon vom Zusehen spürt man die Beklemmung in sich aufsteigen.

Wenn man Mamma Antonella fragt, warum sie das tut, zuckt sie mit den Schultern. Erst einmal ist das für sie eine ästhetische Angelegenheit. Das Bett soll schön aussehen, ordentlich, die Linien sollen gerade sein, so dass niemand daran Anstoß nimmt, wenn er ins Zimmer kommt. Auf der anderen Seite gibt die tüchtige Lehrerin zu, dass die Italiener die Kultur der Daunendecken nicht kennen – wenigstens jene Italiener, die südlich der Lombardei wohnen. Im Norden liegen die dicken Decken wegen der kühlen Winter in den Schränken.

Während also Mitteleuropa brav Daunendecken faltet, rafft und strafft Südeuropa Bettüberzüge. Auch in Spanien, Portugal und vielen Anrainer-Regionen des Mittelmeers dienen sie als Nachtbettwäsche. Im Sommer sind sie bei Temperaturen um 35 Grad sehr praktisch. Aber wenn es im Herbst kühler wird, die Heizung noch nicht auf vollen Touren läuft, dann stapeln sie sich auf dem Bett – und der aus dem Norden kommende Gast muss sich dann durch drei Schichten von Decken kämpfen, bis das Bein wieder frei beweglich ist und keine Arterienabschnürung droht. Das ist nicht schön – aber Tradition.

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