Zeitung Heute : Warum tragen die Russinnen zu Hause Bademäntel?

Stefanie Flamm

In Westeuropa hat man sich garantiert im Tag vertan, wenn man irgendwohin zu Besuch kommt und die Gastgeberin öffnet die Tür im Bademantel. Man entschuldigt sich höflich und tut gut daran, die möglicherweise angebotene Tasse Kaffee dankend abzulehnen. Denn wer tagsüber im Bademantel herumläuft, ist entweder krank, oder er wurde aus dem Bett geklingelt. Mit Sicherheit will er wieder dorthin zurück. Nicht so in Russland. Dort tragen Frauen, zumindest die, die einen erheblichen Teil ihres Lebens in der Sowjetunion verbracht haben, zu Hause immer Bademäntel. Meist sind das fehlfarbene Ungetüme, unter denen noch der Kragen einer Seidenbluse herausguckt. Die hauchdünnen, garantiert Laufmaschen-freien Seidenstrümpfe der Russinnen stecken dann in ausgelatschten Pantoffeln, die aussehen, als hätten sie Chruschtschows Tod noch erlebt.

Warum machen sie das? Allein die Frage kommt einem indiskret vor. Bequemlichkeit ist in einem Land, in dem es Bürgerinnenpflicht ist, den ganzen Winter auf Highheels übers Eis zu balancieren, kein Argument. Dass der Bademantel die Garderobe schonen soll, auch nicht. Die Russin zeigt gerne, was sie hat. Nur zu Hause schickt sich das irgendwie nicht. Zu Hause, sagt sie, sei sie ein besserer Mensch. Das habe etwas mit ihrer russischen Seele zu tun. Aber mit der Seele kommen sie immer, wenn sie sich selbst nicht mehr verstehen.

Ein Blick ins Wörterbuch erklärt da schon mehr. Chalat, das russische Wort für Bademantel, heißt gar nicht Bademantel. Es stammt aus dem Arabischen und bezeichnet einen seidenen Hausmantel, der nur von einem Gürtel gehalten wird. Chalat ist heute eindeutig ein Euphemismus. Zu Zarenzeiten wurde er vor allem von adeligen Männern getragen, die damit aller Welt zeigten, dass sie nicht arbeiten mussten. Einer von ihnen war Oblomow, der Held aus Gontscharows gleichnamigem Roman: ein gutmütiger Kerl, vom Weltschmerz niedergestreckt und in allen praktischen Lebensfragen völlig unbegabt. Oblomow, der nebenher auch noch der Erfinder der Oblomowerei, also des weltvergessenen Herumtrödelns ist, war also genau das Gegenteil der praktischen, hart arbeitenden Sowjetrussin. Dass diese den Bademantel 100 Jahre später zur Mode gemacht hat, verwundert also nicht. Der Chalat war aus dem Stoff, aus dem ihre Träume waren. Wenn sie ihn trug, sprach sie anders, sang andere Lieder, erzählte böse Witze über die Mächtigen. Der Bademantel der Russinnen war ein Zeichen dafür, dass sie den Sowjetmenschen, den sie den ganzen Tag zur Schau trugen, im Treppenhaus gelassen hatten wie eine lästige Tarnkappe.

Längst ist die Sowjetunion Geschichte, der Bademantel aber blieb. Warum? „Nostalgia“, sagt die Russin. Man könnte auch sagen: Gewohnheit.

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