Zeitung Heute : Warum Tribunal-TV nicht das Unrechtsbewusstsein schärft

Der Tagesspiegel

Als O. J. Simpsons Prozess in den USA wochenlang live von Fernsehsendern übertragen wurde, übten die Intellektuellen am Spektakel von Beginn an Kritik. Manche Juristen jedoch erklärten pragmatisch, die Geschichte habe gleichwohl der Kollektivpädagogik gedient. Immerhin, sagten sie, bekamen Millionen Amerikaner einen Begriff von Beweisführung und Prozessregularien – vom Gesetz. Mit Simpson standen eine Privatperson und ihr Drama vor dem Richter. Das lernende Kollektiv war kein betroffenes.

Noch während diese Live-Show lief, geschahen in Bosnien Verbrechen, die jede in den USA verhandelte Dimension sprengten. Im Juli 1995 massakrierten Mitglieder der Armee der Republika Srpska 7000 muslimische Männer und Jungen innerhalb weniger Tage. Zu den Verantwortlichen, die dafür am Haager Tribunal zur Rechenschaft gezogen werden, gehört Slobodan Milosevic. Auch dieser Prozess läuft im Fernsehen, in Serbien. Der Lerneffekt des dortigen Kollektivs bleibt jedoch gering. In den ersten Prozesstagen avancierte der Angeklagte zum Star, seit mehr und mehr Zeugen über Gräueltaten aussagen, ebbt das Interesse der Zuschauer ab.

Nicht anders wäre es vermutlich gewesen, hätte man in Deutschland ab 20. November 1945 „Nürnberg live“ gesendet. 16 000 Seiten Protokoll gibt es aus Nürnberg – etwa 2000 Stunden erstaunlich genauer Verhandlungen zwischen Anklage und Verteidigung der Herren Göring, Ribbentrop, Keitel, Streicher, Heß und anderer Hauptkriegsverbrecher. Allenfalls hätte man mittels „reeducation“ die Bevölkerung dazu zwingen können, dem Geschehen am Tribunal minutiös zu folgen. Aber ob die Deutschen dann Partei für die alliierten Staatsanwälte ergriffen hätten, bleibt immer noch fraglich. Doch das Interesse an Agenturberichten aus Nürnberg war in aller Welt größer als in Deutschland selbst. Erst durch die leicht konsumierbare fiktionale Bearbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten in der US-amerikanischen Serie „Holocaust“ entstand in Deutschland Ende der Siebziger eine medial gestiftete Debatte. Caroline Fetscher

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