Zeitung Heute : Warum werden in Ghana Tote im Haus bestattet?

Thomas Neubacher-Riens

Eine deutsche Beerdigung dauert 30 Minuten. Die Trauerdauer schreiben Friedhofsordnungen vor. Danach bleibt der Tote allein zurück. Immer öfter auch anonym im Rasengrab oder in der Stille des Friedwalds.

Ghanaer finden das unzivilisiert. Wer auf sich hält und im Leben was galt, wird prunkvoll unter dem eigenen Heim bestattet: „Wenn der König stirbt, bleibt er im Haus“, erklärt Kubi Affoetey, dessen Vater in dieser Tradition beigesetzt wurde. Ganz so wichtig wie Friedrich der Große muss man in Ghana nicht sein, um an der eigenen Schwelle bestattet zu werden. „König“ oder „Königin“ ist in Ghana der jeweilige Clanchef – oder dessen Mutter. Matronen genießen höchste Autorität, bestimmen wie und wo beerdigt wird – und wer kommen darf.

Sohn Kubi reist von Berlin über die Hauptstadt Accra in die Ashanti-Provinz zum Begräbnis des Vaters. Das Riesengepäck sieht nach Ausreise aus, doch in Ghana feiert man drei Tage, drei Nächte ausgiebig den Tod und zeigt, was man hat. Die Totenfeste bringen viele Familien an den Rand des Ruins, doch keiner lässt sich lumpen. Wer will durch eine knauserige Zeremonie schon den Zorn des Toten und das Gerede der anderen Familien auf sich ziehen? Das genaue Bestattungsritual wird nur zwischen Mund und Ohr ausgewählter Verwandter überliefert: „Alte Tradition“, raunt Affoetey. Der Gründe sind viele. „Gliederbrüche wurden oft mit Golddraht gerichtet. Und dann war es wie beim Pharao. Blieb die Leiche ungeschützt, kamen die Grabräuber …“ Heute spielen Geisterglaube und Religion größere Rollen. Nur weil man stirbt, gilt man in Ghana noch nicht als tot. „Der Tod ist schlimm“, heißt es dort, „aber das Vergessen ist schlimmer.“ Wer im Haus ruht, bleibt mit seinem Geist und seiner Kraft bei der Familie. Ein anonymes Verscharren würde den Zorn des Verblichenen heraufbeschwören.

Wer fürs Daheimbegräbnis nicht bedeutend genug ist, aber für einen Sarg ein halbes bis ganzes Jahreseinkommen ausgeben mag, investiert in ein Designer-Erdmöbel aus dem Süden des Landes. In Teshi blüht der Handel mit bunten, geschnitzten Särgen. Oft spiegeln sie die Arbeitswelt des Toten wider. Der Kakaofarmer kommt in eine Kakaoschote, der Fischer in den rot lackierten Barsch.Wird Kubi Affoetey dereinst in eine deutsche Norm-Urne umziehen oder sich beizeiten mit dem Friedhofsamt anlegen? Gequältes Lächeln.

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